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Förderfonds Interkultur Ruhr 2017: Was bisher geschah – eine Reise von Ost nach West durchs Ruhrgebiet

Förderfonds Projekte 2017

Förderfonds Interkultur Ruhr 2017: Was bisher geschah – eine Reise von Ost nach West durchs Ruhrgebiet

von: 
Patrick Ritter

Durch den Förderfonds Interkultur Ruhr wurden und werden auch 2017 wieder über 40 Einzelprojekte in vielen Städten des Ruhrgebiets unterstützt. Wir nehmen Sie ein Stück mit auf eine Reise zu verschiedenen Unternehmungen interkultureller Kunst- und Kulturarbeit, Ruhr abwärts von Ost nach West:

In Dortmund in einem Hinterhof in der Dortmunder Nordstadt brachte die Performancegruppe artscenico e.V. im Frühjahr mit dem interdisziplinären Volkstheaterstück „TOHUWABOHU“ die nordstädtischen Lebenswelten und die Eigen- und Fremdzuschreibungen des oft als „NoGo-Area“ titulierten Stadtteils und seiner Bewohner*innen auf die Bühne – zwischen Wäscheleinen und Garagentoren, mit professionellen und Laienschauspieler*innen unterschiedlicher Herkunft. Ebenfalls in der Dortmunder Nordstadt wird im Projektraum „103“ der Machbarschaft Borsig11 die Veranstaltungsreihe „Marhaba 103“ fortgeführt, mit der alte und neue Nachbar*innen kreative Projekte realisieren. So wird etwa der „PH-Wert“ (Peace and Harmony) der Nordstadt ausgeglichen, ein Maler aus Afghanistan nutzt den Raum als Atelier und Galerie, in der Schneiderei 103 wird eine interkulturelle Kollektion kreiert, es finden regelmäßig Konzerte und Jam-Sessions statt. Im Dormunder Unionviertel versammelte die Produktionsgemeinschaft Vier.D mit der Inszenierung „Be a_part of me! – ICH! DU! WIR?“ Künstler*innen und Bewohner*innen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, eine heterogene Gruppe Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, um die Besucher*innen in einem performativen Rundgang durch das Stadtviertel die Migrationsgeschichten von Teilnehmenden und zuvor interviewten Menschen zu führen und unsere fast globale Wirklichkeit, geprägt von freiwilliger und unfreiwilliger Migration, vor Ort aufscheinen zu lassen und greifbarer zu machen. Während des Afro Ruhr Festivals wurde eine Offene Bühne unterstützt, die mehreren deutsch-afrikanischen Bands aus Dortmund und lokalen Initiativen eine Plattform bot. Vor kurzem fand das mit geförderte Roma Festival Djelem Djelem in zahlreichen Orten in Dortmund statt, das mittlerweile in der vierten Auflage einen überregionalen Bekanntheitsgrad erlangt hat und neben Konzerten, Lesungen und Theater auch Fortbildungen, eine Demonstration und eine prominent besetzte Konferenz zur Situation der Roma in der Stadt, in Deutschland und Europa im Programm vereinte.

In Hagen fand von Ende April bis Ende Mai zum dritten Mal das interkulturelle Festival SCHWARZWEISSBUNT statt, das mit einem stetig wachsenden Programm, in diesem Jahr mit 24 Veranstaltungen an zahlreichen Orten, die kulturelle Vielfalt der Stadt mit Musik, Tanz, Theater, Kunst, Kino, Lesungen, Sport- und Kochaktionen und Workshops bereicherte.

In Bochum wird mit dem Endstation.Club, der aus einem medienpädagogischen Projekt des letzten Jahres hervorging, filmbegeisterten Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zwischen 16 und 26 Jahren die Möglichkeit gegeben, ein wöchentliches moderiertes Filmprogramm (immer Montags) innerhalb mehrerer Monate zu erarbeiten und zusätzlich an einem Kurzfilm-Workshop im vergangenen Oktober teilzunehmen, bei dem sie unter professioneller Anleitung Kurzfilme erarbeiten konnten. Seit August 2017 unterstützt vom Förderfonds Interkultur Ruhr, schreiben in „Neu in Deutschland – Zeitung über Flucht, Liebe und das Leben“ geflüchtete Menschen über ihre Erfahrungen und Recherchen in unterschiedlichsten Themenfeldern in ihrer neuen Heimat. Neben den vierteljährlich erscheinenden Online- und Printausgaben, sind die NiD-Akteur/innen auf zahlreichen Veranstaltungen in Bochum und andernorts unterwegs. Die Zeitung wurde unter anderem mit dem Deutschen Lesepreis 2016 ausgezeichnet. Ebenfalls in Bochum veranstaltete der Internationale Kulturverein Wattenscheid und der Emek Chor mit weiteren Partnern an der Zeche Hannover im Rahmen der interkulturellen Woche ein „Picknick der Kulturen“, um sich für die Aufnahme weiterer Teilnehmer*innen zu öffnen. Das letztjährige Jugendtheaterprojekt „His (or Her) Story“ aus Bochum, das Ende 2016 für den Preis des Berliner Theatertreffens der Jugend nominiert wurde, wird dieses Jahr unter dem Titel „Being Peer Gynt / Wir sind da!“ in Herne und Bochum eine neue Inszenierung erarbeiten und auf die Bühne bringen.  

In Herne wurden die beiden Tanzprojekte „Stück03: Lachen – die universelle Sprache des Lebens“ auf der „Kulturbühne“ der Cranger Realschule sowie „Expedition Hip Hop – My Identity?“ unterstützt. Letzteres feiert am Sonntag, den 12. November im Rahmen des Pottporus Festivals in Herne Premiere.

In Gelsenkirchen-Rotthausen stellte die evangelische Emmaus-Kirchengemeinde mit "Pottpüree" ein Weltmusikfestival auf die Beine, das vor allem auch Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Migrationshintergrund mit einbezog. Nach Hip Hop und Chorauftritten wurde mit Elektro-Hafiz ein musikalisches Highlight präsentiert. Als Abschluss setzte eine Feuershow von der Pyro-Gruppe Evil Flames.

In Essen stiegen während des Full Spin Festivals Besucher*innen auf die mit Kies bedeckte Landschaft der Schurenbachhalde, die während der Performance „A Ticket to Atlantis“ zum Ufer und zum Grund des Mittelmeeres wurde, um dort mit den Besucher*innen über die menschlichen Schicksale und Geschichten der in den letzten Jahren über das Meer geflohenen (und der dort gestorbenen) Menschen nachzudenken. Das Stück ist Ergebnis eines intensiven Austauschs zwischen einem syrisch-libanesischen Ensemble und künstlerischen Kompliz*innen aus Deutschland, gespeist aus Interviews mit aus den aktuellen Krisenzonen im mittleren Osten geflohenen Menschen und aus Gesprächen mit Essener Bürger*innen. Eine Gruppe geflüchteter Frauen erarbeitet im Essener Julius-Leber-Haus die Inhalte für ein bald erscheinendes Syrisches Kochbuch. Während des „Bildungsfestivals“ (initiiert von den bundesweiten Initiativen ProFellow – Verein für Bildungsprojekte e.V., Teach First Deutschland und anderen) im Essener Unperfekthaus arbeiteten 110 Schüler*innen aus „Brennpunktschulen“ in interaktiven Workshops zu den Themen Faire Welt, Nachhaltigkeit, Multikulturalität und berufliche Entwicklung und wurden dabei von ihren Mentor*innen (Fellows) unterstützt. Ebenfalls in Essen eröffnete während der interkulturellen Woche dieses Jahres die Ausstellung „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“, die das Wirken des portugiesischen Diplomaten Aristides de Sousa Mendes portraitiert. Er hatte sich gegen die Weisung der portugiesischen Salazar-Diktatur gestellt und vom portugiesischen Konsulat in Bordeaux (Frankreich) aus während des 2. Weltkrieges rund 30.000 Menschen vor der Verfolgung durch die Nazis gerettet. Die Ausstellung war bis zum 20. Oktober in der Essener Marktkirche zu sehen, und ein kulturelles Begleitprogramm für Schulklassen wurde durch die Initiative „Demokratie Leben!“ ermöglicht. Der Essener Verein ZIKK e.V. (Zentrum für inklusive Kunst und Kultur) machte sich auf, für mehrere Veranstaltungen Masken-Performances zu inszenieren und barrierefreie Teilhabe auf Augenhöhe zu etablieren – mit Geflüchteten, Zuwander*innen und Hiesigen, Menschen mit und ohne Behinderung, mit und ohne Deutschkenntnissen oder künstlerischen Vorerfahrungen – und präsentierten ihre Arbeit unter anderem im Grugapark in Essen.

In Mülheim an der Ruhr wird die bereits sehr intensiv betriebene kulturelle Öffnung des Ringlokschuppen Ruhr weiter von Interkultur Ruhr mit unterstützt – durch eine verstärkte Übersetzungspraxis und mehrsprachige Vor- und Nachbesprechungen von Veranstaltungen, durch regelmäßige Programmsitzungen mit Künstler*innen mit interkultureller Expertise, Kinderbetreuung, den Einsatz von „Kulturscouts“ sowie den mehrsprachigen Ausbau der Homepage und der Printprodukte des soziokulturellen Zentrums und Koproduktionshauses. Auch das Projekt RUHRORTER setzte 2017 die Arbeit fort und erarbeitete nun im fünften Jahr in Folge mit Geflüchteten unter anderem die ortsspezifische Inszenierung „Ich hielt in meinen Armen das Unmögliche“. Aufbauend auf Goethes Novellensammlung „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ wurden in einer assoziativen Inszenierung die unmittelbaren und zwischenmenschlichen Folgen von Krieg und Vertreibung thematisiert. Als Szenerie diente eine ehemalige Verwaltungszentrale von Kaiser-Tengelmann, die vorübergehend auch als Flüchtlingsunterkunft genutzt wurde.

In Oberhausen wird weiterhin mit großer Energie die mehrfach nominierte und mit Preisen gewürdigte Refugees‘ Kitchen betrieben, die als mobile Koch- und Aufenthaltseinheit zahlreiche Städte im Ruhrgebiet und darüber hinaus ansteuert, um bei Veranstaltungen Geflüchtete und Einheimische über kulinarische Erlebnisse und asylrelevante Themen einander näher zu bringen. Gemeinsam mit Asylsuchenden aus mehreren Ruhrstädten und kitev (Kunst im Turm) e.v. wurde das Mobil „Elli“ vor über einem Jahr gebaut und bietet nicht nur hochkarätige Speisen, sondern mittlerweile auch in Absprache mit lokalen Partnern ein begleitendes Kulturprogramm, wie z.B. diesen September beim Campfire 2017 – Festival für Journalismus und Neue Medien in Dortmund, mit einer Filmvorführung (An der Seite der Braut, 2014) und einem Hip Hop Konzert. Ebenso in Oberhausen wurde im Mai im „Oberhaus“, das von kitev e.V. und zahlreichen Mitstreitern aus aller Welt als ein interkultureller Kunst- und Lebensraum neues Leben eingehaucht bekommt, eine grenzüberschreitende Filmvertonung durch Musiker unterschiedlicher Herkünfte eines italienischen Archivfunds präsentiert (Der Film „Circo Togni“ aus dem Archivio Nazionale del Film di Famiglia in Bologna zeigt Privataufnahmen der italienischen Zirkusfamilie Togni aus den 40er bis 70er Jahren).

In Duisburg wurde mit „Waves of Hope“ ein Projekt mit zahlreichen Partnern vor Ort unterstützt, das in mehreren Workshops und einem Sommercamp gemeinsam mit Profis und Amateuren aus Syrien, der Türkei, Chile, Südafrika und Kreativen aus Duisburg und der Region ein großes Programm mit Chor- und Bandmusik, Literatur, Tanz und Publikumsaktionen für das Platzhirschfestival auf die Beine stellte. Es setze ein visuelles und hörbares Zeichen für die vielfältige Stadtgesellschaft und kulturelle Bereicherung vor Ort durch die diversen Akteur*innen. Das Lokal Harmonie präsentiert seit Ende Oktober mit der sechsteiligen Reihe „Rauş: Eşitlik ve Demokrasi. Contemporary Studies Duisburg“ eine Ausstellung, Lesungen, Konzerte und Diskussionsveranstaltungen präsentieren, die die aktuellen kulturellen und politischen Entwicklungen in der Türkei und die Folgen für die deutsch-türkische Community in der Ruhrregion und Deutschland reflektieren.

Wie auch im vergangen Jahr finden sich die meisten Projektinitiativen in den größeren Städten des Ruhrgebiets. Jedoch wurden auch Projekte in einigen kleineren Städten und Kommunen unterstützt. In Sprockhövel wird in Zusammenarbeit zwischen der örtlichen Flüchtlingshilfe und einem professionellen Journalisten und Filmemacher eine Kochsendung gedreht, in der über Lebensverhältnisse in verschiedenen Krisenregionen bzw. Herkunftsländern von Asylbewerbern gesprochen wird und lokale und Themen um Flucht, Migration und Umstände des Bleibens in der Kommune und der Region behandelt werden. Und natürlich geht es auch um die bereicherte kulinarische Vielfalt der Welt vor Ort. In Gladbeck finden unter künstlerischer Anleitung Frauen verschiedener Generationen mit und ohne Fluchtgeschichte im Projekt "Die Welt der Frauen ist bunt" über die Malerei zusammen und präsentieren ihre Werke Anfang nächsten Jahres.

Zahlreiche weitere Projekte werden noch bis zum Jahresende realisiert. Wir halten Sie über die aktuellen Termine in unserem Kalender und auf unserer Facebook-Seite auf dem Laufenden.

Unter folgendem Link können sie mehr über die einzelnen Projekte erfahren: http://interkultur.ruhr/page/foerderfonds (die Liste befindet sich unterhalb der Ausschreibung des Förderfonds). Eine ausführliche Dokumentation über die 2016 geförderten Projekte finden Sie hier: http://www.interkultur.ruhr/dokumentation-foerderfonds-2016

artscenico: Tohuwabohu
Machbarschaft Borsig11: Marhaba 103
vierD: Be a_part of me!
endstation.kino: endstation.club
Issam Al-Najm / Neu in Deutschland
c.t.201: Being Peer Gynt
Ensample: Stück03
Pottporus: HipHop – my Identity?
Maschinenhaus Essen: A Ticket to Atlantis
Julius-Leber-Haus: Syrisches Kochbuch
Ruhrorter: Ich hielt in meinen Armen das Unmögliche
kitev: Refugees' Kitchen
Lokal Harmonie: Rauş: Eşlitik ve Demokrasi
Flüchtlingshilfe Sprockhövel: Cross Culture Cooking
LAG Kunst und Medien NRW / Mädchenzentrum Gladbeck: Die Welt der Frauen ist bunt.