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Abkommen vom Weg: In der Landschaft stehen. Interkultur Ruhr unterwegs

dezentrale Mülheim an der Ruhr

Abkommen vom Weg: In der Landschaft stehen. Interkultur Ruhr unterwegs

von: 
Johanna-Yasirra Kluhs

„Nicht die ganze Gesellschaft ist das Forum, in dem die Krisen diskutiert und Lösungen vorgeschlagen werden, sondern abstrakte Modelle von ihr, die der Herrschaft einer kleinen Gruppe von Experten unterliegen. Nicht lebendige Menschen mit ihrer reichen Subjektivität betreten diese Modelle, sondern Karikaturen von ihnen, wie „der Arbeiter“, „der ökonomische Mensch“, „der Künstler“, „der Wissenschaftler“. Nicht die Objekte der Karikaturen entscheiden über ihre Brauchbarkeit, sondern die Konstrukteure, und zwar nach Prinzipien, auf die der Rest der Menschheit mit seinen Wünschen und Träumen keinen wie immer gearteten Einfluss hat.“

Paul Feyerabend: Wissenschaft als Kunst

Die Reise beginnt

Eine der ersten Fahrten als Team Interkultur führt uns Anfang des Jahres 2016 zu unseren Kollegen vom Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr. Der neue Hut auf unseren Köpfen rückt andere Themen als gewöhnlich in den Vordergrund. Was sind akute interkulturelle Fragen im Ringlokschuppen, diesem geschichtsreichen Ort, der sich vom Soziokulturellen Zentrum immer weiter zu einem Ort für Darstellende Künste entwickelt hat? Ohne jedoch seine Widmung gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und der diversen Stadtgesellschaft Mülheims gegenüber aufzugeben. Davon zeugt auch der Sitz der Silent University im Haus.

Matthias Frense, Claudia Saerbeck und Kirsten Benhaddou denken viel über aktuelle Formen einer kritischen ästhetischen Praxis nach. Wir sprechen über aktuelle Funktionsweisen bzw. Imaginationen angemessener Funktionsweisen von Kulturinstitutionen unter den zeitgenössischen politischen Vorzeichen. Ausgelöst vor allem durch die im deutschen Mainstream als Flüchtlingskrise benannte Einwanderungswelle aus v.a. arabischen und afrikanischen Staaten seit dem Herbst 2015, erscheint das eigene Terrain plötzlich mehr als fragwürdig.

Wofür sind wir da? Oder vielmehr: wofür könnten (oder sollten?) wir da sein? Was für Formen kann eine Kunstinstitution haben, die nicht nur repräsentationskritisch denkt, sondern auch agiert? Wie können wir ein neues Verhältnis von Ethik und Ästhetik bilden? Brauchen wir angepasste Begriffe – oder müssen wir unser Handlungsspektrum mit einem ganz anderen Vokabular umhegen? Fest steht: das alles dürfen wir nicht mehr unter uns diskutieren. Wir brauchen verschiedene Stimmen am Tisch. Die zu Personen gehören, die verschiedene gesellschaftliche Positionen, Berufe, Biografien haben. Wir wollen versuchen, Fragen nach der Öffnung des Kulturbetriebs in einer Art kleinen Version einer diversen Gesellschaft zu verhandeln.

Arbeitskreis Interkultur Ruhr No.1

Gesagt, getan. Gemeinsam berufen wir einen runden Tisch ein, recht informell und zu Beginn auch mit unsystematischem Einladungsprinzip. Die Hoffnung: ein emphatischer Gesprächskreis, der die kritische Revision der eigenen Arbeitspraxis mit besonderer Berücksichtigung von Überlegungen zur Repräsentation und Zusammenarbeit als dringende Notwendigkeit empfindet und jenseits von tradiertem Lobbying und Profilierungsmechanismen ein utopisches Modell des eigenen Wirkens entwickelt.

Wir treten in der ersten Runde an als heterogenes Gefüge mit Vertretern unterschiedlicher Kulturbereiche, von Kirsten Benhaddou von der Silent University, Rolf Stein vom Bahnhof Langendreer, Uri Bülbül und Serap Türkel-Ayık vom Katakombentheater Essen, Claudia Saerbeck vom Gastgeber Ringlokschuppen Ruhr sowie Justin Fonkeu, dem Grünenabgeordneten und Vorsitzenden des Vereins Afro Mülheimers, dem freien Schauspieler und Regisseur Khosrou Mahmoudi und dem Wissenschaftler und Künstler Alexis Rodríguez Suárez. Wir streifen verschiedene Diskussionsfelder.

Kunst der Demokratie?

Wie relevant ist der einzelne Akteur in einer repräsentativen Demokratie – und hat die Kunst eine Rolle als Übungsplatz und Katalysator des politischen Systems? Wie hat die Kunst sich zu den Volksvertretern zu positionieren – eher indem sie das Treiben der Politiker kritisch überwacht, oder indem sie sich als Sprachrohr ihrer Anliegen versteht? Darf man Kunst und Kultur als Bewusstmacher für politisches Handeln als alltägliche Praxis benutzen? Damit stecken wir natürlich schon knietief drin, im Sumpf des (Anti-)Funktionalisierungsdiskurses. Wenn die Kunst an ihrem Platz bleiben will, könnte es etwas sein, die Politik zu ästhetisieren? Den Dissens zu kultivieren, die Un-Ordnung zu organisieren?

„Es macht einen Unterschied, ob gleichsam die Herrschaftsbehauptung wiederholt wird, ein Leben jenseits von spezifischen Ordnungen sei nicht lebbar, oder ob die Kämpfe gegen die Aufrechterhaltung von Ordnungen selbst virulent gehalten werden. Das bedeutet, jenes zu fokussieren, das sich der Grenze der Ordnung verweigert und entzieht und so selbst andere Grenzen setzt. Eine solche Kunst, Kategorien zu entgehen, entspricht einer Un-Ordnung, die nicht unabhängig von Ordnung zu verstehen ist. Un-Ordnung meint eher ein Gefüge, das nicht dermaßen gerastert wird, ein Gefüge, das der Ordnung entgeht, das durch die Ordnung gerade deswegen unentwegt zu kategorisieren, zu rastern und zu kontrollieren versucht wird. Un-Ordnung entspricht nicht der Negation der Ordnung, sondern konstituiert neue Ordnungen. In diesem Zusammenhang von Verweigerung und Entgehen zu sprechen bedeutet auf Potenzialitäten politischen Handelns zu fokussieren, auf Potenzialitäten neuordnender Intervention.“

Isabell Lorey: Konstituierende Kritik. Die Kunst, den Kategorien zu entgehen

Gesellschaft als Hotel

Es taucht die Idee auf, dass 300.000 – 400.000 Einwanderer pro Jahr eine ideale Anzahl sei für eine erfolgreiche, bewegte Gesellschaft. Wir fragen uns grundsätzlich nach der Rolle der Einwanderung für eine, für unsere Gesellschaft. Warum nicht sich als Hotel Europa verstehen, wo irgendwann niemand mehr im eigenen Bett schläft? In dem Zusammenhang erscheint der Gedanke, dass ein Migrationshintergrund häufig erst dann ins Bewusstsein rückt, wenn der Begriff von außen als Idee der Differenz ins Feld geführt wird.

Vielleicht muss man sich gar nicht ins fremde Feld vorwagen – aber wir könnten vielleicht gute Konzepte dafür entwickeln, die Ressourcen, die wir selbst sind, zu nutzen. In der Annahme unserer selbst als Akteure mit soziopolitischem Bewusstsein. Und damit auch Anderen einfach zutrauen und den Raum geben, sich selbst zu verwalten. Ist eine Projektökonomie denkbar, in der wir nicht die stigmatisierte Randgruppe als Schwächere kultivieren müssen, um uns selbst zu profilieren? Gerade in aktuellen Projekten mit geflüchteten Menschen konstatieren wir Tendenzen zum Missbrauch der Neuangekommenen zur politischen Legitimierung der Kulturinstitutionen selbst. Versteckter, positiver, aber auch offener, feindlicher Rassismus als großes Thema. Die deutsche Gesellschaft verändert sich – Institutionen müssen sich auch verändern. Justin Fonkeu sagt dazu: „Jeder Mensch muss wissen, welche Möglichkeiten er hat.“ - im ökonomischen, aber vor allem auch im politischen Sinn.

Perspektiven

Können wir noch mal auf die Suche gehen nach dem emanzipatorischen, eventuell auch schlichtenden Potential der Künste in einer sich polarisierenden Gesellschaft, die doch gleichermaßen einen Grad an Vielfältigkeit und Diversität erreicht hat, den man als historisch utopistische Situation ansehen könnte? Wir haben das Bedürfnis, Vorschläge zu machen zu einer veränderten Wahrnehmung, die auf unbekannten Systemen von Gesellschaft beruht. Politik und Kunst lassen sich trennen, aber als Künstlerinnen und Künstler, die ein Teil der deutschen Zivilbevölkerung sind, haben wir ein politisches Bewusstsein, das verwirklicht und eingebracht werden muss in unsere Umgebung.

Wir begreifen die Krise auch als Chance: Da treten plötzlich Nischen in Erscheinung. Wie kann man diese abbilden, als Symptome neuer Formatierungen begreifen und eventuell stärken? Wo braucht es im Gegenteil Beharrlichkeit, und das bereits Erkannte, Erkämpfte? Hier werden konkrete Perspektiven benötigt. Jemand sagt: „Kunst verändert die Kultur, weil sie in die Zukunft schaut.“ Wir sind uns darüber bewusst, dass es Luxus ist, sich so viel Zeit für mäandernde Gespräche zu nehmen, die vielleicht mit spezifischen Fragestellungen beginnen, allerdings doch häufig ausufern. Andererseits glauben wir sehr daran, dass unsere Arbeit auch und vielleicht sogar: gerade im einstweiligen Abkommen vom Weg besteht. Denn nur da lassen sich Ansichten finden, die den Blick auf das Vertraute und Eingespielte verrücken können. Fragmente daraus werden sich immer wieder in unseren Notizen finden.