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Miteinander arbeiten – aber wie?

Netzwerktreffen Interkuntur

Miteinander arbeiten – aber wie?

von: 
Guido Meincke

Beim dritten Netzwerktreffen Interkultur ging es um die Frage des Miteinanders von Veranstalter*innen und Teilnehmer*innen interkultureller Projekte. Ca. 60 Gäste fanden sich am 21. November 2016 im Kulturzentrum Bahnhof Langendreer Bochum zusammen, um sich über Kooperationsformen in der interkulturellen Kulturarbeit auszutauschen.

„Wir äußern einen Verdacht“, so setzte die Einladung zu dieser Versammlung an, die einen selbstkritischen Dialog in Gang bringen wollte: “Interkultur in Deutschland ist immer noch häufig vom Selbstverständnis eines Geberlandes geprägt. Kulturangebote, die sich dem Feld zuordnen, sind oftmals (tages-)politischen Vorstellungen von Integration untergeordnet und verstehen sich doch als unabhängige künstlerische oder soziokulturelle Unternehmungen. Initiatoren arbeiten oft nicht miteinander, sondern machen Angebote für “die Anderen”.“

Seit Anfang des Jahres 2016 arbeiten 45 Projekte, die aus dem Förderfonds Interkultur Ruhr unterstützt werden, in verschiedenen Städten des Ruhrgebiets mit Geflüchteten, um ein Klima interkultureller Offenheit zu erzeugen. Die Netzwerkarbeit von Interkultur Ruhr bietet ein Forum zum Austausch über praktische Erfahrungen und zur kritischen Selbstbefragung. Wie gestaltet sich diese Projektarbeit, welche Schwierigkeiten muss sie überwinden, und was kann sie bewirken? Wie viel Partizipation steckt wirklich in partizipativen Projekten? Wie können zum Beispiel Menschen bezahlt werden, die als Akteure in Projekten beteiligt sind und gleichzeitig als Abhängige einer Sozialversorgung leben? Ist kulturelle Projektarbeit eine berufliche Perspektive für prekäre Existenzen? Was sind Ziele und Aufgaben der interkulturellen Zusammenarbeit?

Diesen Fragen widmete sich das dritte Netzwerktreffen Interkultur in kurzen Impulsvorträgen von Katalin Erdödi (Kuratorin, Wien), Wanja van Suntum (Ruhrorter / cobratheater.cobra) und Kenan Araz (Soziologe und Sozialberater, Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V.), die Einblicke in verschiedene Ansätze der Kulturarbeit mit Geflüchteten geben und neue Perspektiven auf die eigene Arbeit eröffnen sollten, sowie in drei anschließenden Workshops zur Vertiefung und Diskussion der Themen. Neben Akteuren freier Initiativen, kultureller Institutionen und städtischen Vertreter*innen verschiedener Kommunen waren auch mehrere Teilnehmer*innen aus dem Kreis der neu Zugewanderten anwesend (z.B. von der Refugees’ Kitchen, Talent’s Club oder Refugee FM/Radio Wuppertal), die das Geschehen mit Hilfe einer simultanen „Flüsterübersetzung“ von Justin Fonkeu (Silent University Ruhr) verfolgen konnten.

Eine umfassende Dokumentation des Netzwerktreffens steht hier zum download bereit.

 

Kunst als subversive politische Praxis

Zum Auftakt sprach Katalin Erdödi über ihre künstlerische Arbeit als subversive politische Praxis und stellte zwei aktuelle Projekte vor, die sie zusammen mit der katalanischen Künstlerin Núria Güell in Österreich realisiert hat. „Organized Disintegration“ (im Rahmen von imagetanz 2015), ebenso wie das aktuelle Projekt Enjoy Austria verfolgen beide eine subversive gesellschaftskritische Strategie, die mit künstlerischen Mitteln gesellschaftliche Doppelstandards, Hierarchien und Machtstrukturen entlarvt. Erdödis subversive künstlerische Praxis stellt eine effektive  Möglichkeit dar, Perspektivenwechsel zu initiieren und ein selbstkritisches Bewusstsein in der Mehrheitsgesellschaft zu fördern, sie stößt aber auch an Grenzen: Um etwa reelle Arbeitsmöglichkeiten für Asylbewerber*innen auszuloten, wurde in dem Projekt mit Rechtsexperten zusammengearbeitet, es wurden aber keine verantwortbaren Lösungen gefunden, Menschen mit laufendem Asylantrag zu beschäftigen.

Katalin Erdödis anschließender Workshop zum Thema „politisches Bewusstsein und Subversion im Arbeitsalltag“ und ging zunächst der zentralen Frage nach, wie Kunst als Werkzeug dienen kann, um gesellschaftliche Zustände zu verändern. Welches Potential hat die Kunst auf semantischer Ebene? Was bewirkt eine Umwidmung oder Neubesetzung von Begriffen? Kann das „radikale Imaginäre“ wirklich Handlungsmuster beeinflussen und gesellschaftliche Strukturen aufbrechen? Müsste Selbstkritik nicht ebenso innerhalb des Kulturbetriebs geübt werden, indem man sich z.B. die Frage stellt, welches Interesse die Initiatoren interkultureller Kulturarbeit verfolgen? Brauchen wir als deutsche Mehrheitsgesellschaft das Aushängeschild, Projekte mit Geflüchteten zu machen? Für wen sind diese Projekte gedacht? Welche Motive haben Geflüchtete ihrerseits, sich dafür zu engagieren? Wo begünstigen z.B. Förderstrukturen eine Homogenisierung, eine Prekarisierung, eine Marginalisierung? Welche Möglichkeiten gibt es, die bestehenden Strukturen, die eine partnerschaftliche Zusammenarbeit behindern, zu unterlaufen, z.B. in Bezug auf eine Honorierung der Teilnehmer*innen partizipativer Kunst- und Kulturprojekte?

Die Präsentation zu Katalin Erdödis Vortrag steht hier zum download bereit.

 

Kunst und Kooperation

Der zweite Vortrag beschäftigte sich mit Perspektiven des nicht-dokumentarischen Theaters. Wanja van Suntum berichtete über die Arbeitsweisen des Projekts Ruhrorter, eines kollaborativen Theater- und Kunstprojekts des Theater an der Ruhr mit Geflüchteten aus dem Ruhrgebiet. Hier wird eine aktive Auseinandersetzung mit den Asylsuchenden ebenso sowie den Entscheidungsträger*innen in der Verwaltung und anderen mit dem Thema Migration assoziierbaren Personen gesucht, um Räume zu nutzen, z.B. Einfluss auf das Integrationskonzept der Stadt zu gewinnen und über verschiedene Netzwerke möglichst weit in die Stadtgesellschaft hinein wirken zu können. Das Projekt sucht dabei nach neuen ästhetischen Formen, um mit den Mitteln der Kunst und der forschenden Dokumentation ein Korrektiv gegen die stereotype Kategorisierung und Ausgrenzung von Asyl suchenden Menschen zu entwerfen und öffentlich sichtbar und erfahrbar zu machen.

Im Workshop „Kunst und Kooperation“ wurde einleitend der Kurzfilm 15 Minuten gezeigt, der im Rahmen des Projekts bereits 2014 entstanden ist und eine künstlerisch-szenische Verarbeitung des Asylprozesses darstellt. In der Folge ging es zunächst um die künstlerische Praxis in der Arbeit mit Geflüchteten und um Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Perspektiven an der Schnittstelle zwischen Kunst- bzw. Kulturbetrieb und behördlichen Strukturen und sozialen Einrichtungen. Wie gestaltet sich eine verantwortungsvolle Theaterarbeit mit Menschen, die teilweise aufgrund traumatischer Erfahrungen eher eines „Schutzraums“ bedürfen? Wie kann dieser Raum perspektivisch zu einer heterogenen, vielfältigeren Gesellschaft hin geöffnet werden? Wie weit reichen Zuständigkeiten künstlerischer Arbeit, und wann sind andere Kompetenzen vonnöten? Welche professionellen Beratungsstellen gibt es? Wie lassen sich tragfähige Kooperationsstrukturen aufbauen, mit Institutionen, Flüchtlingsnetzwerken und Ehrenamtlichen? Wie kann man in eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Behörden und Kommunen treten? Und nicht zuletzt: Muss sich Kunst an der ihrer politischen Wirksamkeit messen lassen? Wie politisch kann – und soll – Kunst mit Geflüchteten sein?

Der Kurzfilm “15 Minuten” zum Projekt “Ruhrorter” ist online hier zu sehen.

 

Möglichkeiten bezahlter Beschäftigung in der Arbeit mit Neuangekommenen

Als dritter Redner gab Kenan Araz eine kompakte Einführung in das aktuelle deutsche Asyl- und Arbeitsrecht. Als Vorstandsmitglied und engagierter Mitarbeiter der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum e.V., die einen umfassenden Sozialdienst für Geflüchtete in Bochum bereitstellt, ist er sowohl mit der Gesetzeslage als auch mit der Praxis der Verwaltung besser vertraut als viele Akteure aus dem Kulturbereich. Nach einigen statistischen Angaben zur Anzahl und Herkunft von Flüchtlingen in Deutschland und im Ruhrgebiet und einem Überblick über die derzeitige Praxis der Asylverfahren ging Araz näher auf das neue Integrationsgesetz ein, das am 31. Juli 2016 in Kraft getreten ist. Neben der Verschärfung der Wohnsitzauflage, von der in letzter Zeit viel die Rede war, und einer Absenkung des Existenzminimums enthält es auch einige Veränderungen des Arbeitsrechts. Das Integrationsgesetz folgt hierin weniger politischen als vielmehr ökonomischen Prinzipien. Auch im Arbeitsrecht für Geflüchtete wurden einige Auflagen verschärft, andere hingegen gelockert. Für Asylsuchende und Geduldete besteht nach wie vor ein weitgehendes Arbeitsverbot, wohingegen anerkannten Flüchtlingen, deren Asylverfahren nach 4, spätestens nach 15 Monaten abgeschlossen sein sollte, der Weg in den regulären Arbeitsmarkt geöffnet wird.

Welche Auswirkungen dies für die interkulturelle Kulturarbeit mit Geflüchteten haben kann, wurde im anschließenden Workshop erörtert, der sich mit aktuellen Möglichkeiten bezahlter Beschäftigung in der Arbeit mit Neuangekommenen befasste. Viele der Teilnehmer*innen des Workshops äußerten den Wunsch, Geflüchtete z.B. als Künstler, Dolmetscher oder Vermittler, als Mitarbeiter auf verschiedenen Ebenen, auch als Initiatoren neuer interkultureller Projekte partnerschaftlich mit einzubeziehen, und zugleich eine große Unsicherheit in vielen Fragen des Asylrechts, zumal sich die Regelungen durch das neue Integrationsgesetz im Fluss befinden. Welche rechtlichen und administrativen Hürden gilt es zu überwinden, und welche konkreten Möglichkeiten bezahlter Beschäftigung in der Arbeit mit Neuangekommenen gibt es derzeit? Welche Instrumente gibt es, die in Kooperation mit dem JobCenter oder der Agentur für Arbeit eingesetzt werden können? Inwieweit lassen sich diese auf die freie künstlerische Projektarbeit anwenden, die oft selbst unter prekären Bedingungen stattfindet? Und wie können wir mittelfristig Modelle und einen Leitfaden für den freien, projektorientierten Kulturbetrieb entwickeln und eine kompetente Beratungsstruktur zu diesen Fragen aufbauen?

Die Präsentation zu Kenan Araz Vortrag steht hier zum download bereit.

 

Das dritte Netzwerktreffen Interkultur hat gezeigt, dass es viele gemeinsame Fragen zu den Themen Partizipation, Bezahlung sowie Zielen und Aufgaben der interkulturellen Kulturarbeit gibt, die sich individuell immer wieder unter etwas anderen Bedingungen stellen. Die Arbeit mit Geflüchteten hat unseren Anliegen eine neue Dringlichkeit verschafft, in der die Netzwerkarbeit immer wichtiger wird. Für den Einzelnen ist das Feld in seiner Komplexität und seinen vielfältigen Anforderungen kaum überschaubar, sodass ein großer Bedarf an Erfahrungsaustausch und umfassender Beratung besteht. In der abschließenden Diskussionsrunde wurde auch noch einmal die Notwendigkeit deutlich, politische Anliegen zu formulieren, um die freie Kulturarbeit mit prekären Verhältnissen operationalisierbar zu machen und Strukturen und Perspektiven zu schaffen, die über diesen Bereich hinaus führen.

Dokumentation download
Netzwerktreffen Interkultur
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Präsentation Katalin Erdödi
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Kurzfilm "15 Minuten"
Netzwerktreffen Interkultur
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Präsentation Katalin Erdödi