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Run the World (Girls) – Ein Gespräch mit Bridget Fonkeu über das Frauennetzwerk in der Silent University Ruhr

Interkulturelles Frauennetzwek

Run the World (Girls) – Ein Gespräch mit Bridget Fonkeu über das Frauennetzwerk in der Silent University Ruhr

von: 
Dominik Müller

BF = Bridget Fonkeu
DM = Dominik Müller

 

Die Silent University Ruhr wurde 2015 in Mülheim an der Ruhr vom Impulse Theater Festival und Ringlokschuppen Ruhr in Koproduktion mit Urbane Künste Ruhr initiiert. Ursprünglich eine Initiative des Künstlers Ahmet Ögüt, sind die Silent Universities Plattformen für geflüchtete und migrantische Akademiker*innen, die aufgrund nicht anerkannter Abschlüsse oder anderer Hindernisse nicht mehr akademisch tätig sein können. In der Silent University Ruhr trifft sich mittlerweile, neben vielen weiteren Aktivitäten, regelmäßig ein sehr reges Netzwerk für akademische Frauen.

Im Vorfeld des Impulse Theater Festivals sprach der Dramaturg Dominik Müller mit Bridget Fonkeu, der Initiatorin des Netzwerks. Die Silent University ist an der Konzeption und Durchführung der performativen Installation „Of All The People In All The World“ der britischen Theatergruppe Stan’s Cafe beteiligt, die im Rahmen des Festivals im Ringlokschuppen Ruhr zu sehen ist.

Bridget Fonkeu ist darüber hinaus als Referentin beim 4. Netzwerktreffen Interkultur Ruhr am 3.7.2017 zu Gast, im Gespräch über die multilinguale Gesellschaft und ihre Institutionen.

 

DM: Bridget, kannst du vielleicht gleich zu Beginn mal beschreiben, wer ihr seid? Was ist eure Vision?

BF: Wir sind das interkulturelle akademische Frauen Empowerment Netzwerk. Wir sind nur Frauen. Und unsere Vision ist, als Frauen mit unseren unterschiedlichen Fähigkeiten und unseren Erfahrungen mit unterschiedlichen Lebensstilen Brücken über Klassen-, interkulturelle und interreligiöse Unterschiede zu bauen.

DM: Wie läuft das ab? Kannst du eure Arbeitsweise und etwas konkreter eure Ziele skizzieren?

BF: Wir treffen uns am Tisch. Wir essen immer etwas zusammen, manchmal bringen die Frauen etwas aus ihrer eigenen Heimat mit. Es gibt Kinderbetreuung, die Kinder spielen dann dort vorne und wir sprechen miteinander in einer relaxten Atmosphäre. Zuerst einmal ermutigen wir die akademischen Frauen, die wissenschaftliche Arbeit nicht aufzugeben und wir fördern die Zusammenarbeit und den Gedankenaustausch – wir sind Frauen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen und arbeiten daran, diese Hintergründe miteinander zu vernetzen. Dabei geht es natürlich auch um die sozioökonomische Integration der Frauen.

DM: Das klingt nach einer ziemlich großen Aufgabe. Wie viele Frauen nehmen daran teil? Und kannst du sagen, aus wie vielen unterschiedlichen Ländern sie kommen?

BF: Wir sind regelmäßig ungefähr 17 Frauen aus 9 Herkunftsländern.

DM: Wenn ich das richtig verstehe, dann sind Geflüchtete darunter, aber gibt es auch Akademikerinnen, die hierher gekommen sind…

BF: …als Studentinnen und dann geblieben sind. Es gibt auch Frauen, die wegen einer Familienzusammenführung hergekommen sind, wo der Partner schon hier in Deutschland arbeitet.

DM: Was für Überlegungen verbinden euch?

BF: Wir haben überlegt, wie können wir mit unseren Erfahrungen als Frauen aus verschiedenen Ländern zur sozioökonomischen Entwicklung Mülheims – unserer heutigen Wohnstadt – beitragen? Wie können die Erfahrungen der Frauen im Netzwerk dazu beitragen, das Leben in der Stadt zu verbessern?

DM: Und es ist einfacher, diese unterschiedlichen Lebensrealitäten, von denen du sprichst zu überbrücken, wenn ihr unter Frauen seid?

BF: Wir haben uns entschieden, nur unter Frauen zu arbeiten – du musst wissen, wir kommen aus verschiedenen Kulturen. Die arabischen Frauen zum Beispiel sind aus kulturellen Gründen nicht gewöhnt, mit Männern zusammenarbeiten, und das ist einer der Gründe, aus denen wir uns entschieden haben, unter uns Frauen zu bleiben.

DM: An der TU Dortmund, wo du arbeitest – ich habe das mal nachgeschaut – gibt es gerade einmal 21% Professorinnen, obwohl dort 53% der Masterabsolvent*innen weiblich sind. D.h. es gehen auf dem Weg eine Menge Frauen verloren. Sind das auch deine Erfahrungen? Und die Erfahrungen der Frauen im Netzwerk?

BF: Frauen haben ein besonderes Problem: die Familie. In vielen Kulturen sind es die Frauen, die auf das Haus und die Kinder aufpassen sollen. Es ist manchmal nicht leicht, diese teilweise widerstrebenden Ziele mit ausreichend effort zu verfolgen.

DM: Das klingt nicht richtig.

BF: Und wir wollen das zeigen, dass das falsch ist.

DM: Gibt es besondere Hürden für migrantische Akademikerinnen?

BF: Zuerst einmal sind unsere Zertifikate oft nicht anerkannt und wir müssen einen administrativen Aufwand betreiben, zum Amt gehen, die Beamten von den Abschlüssen überzeugen.

DM: Wir haben jetzt viel über die großen Themen gesprochen, gesellschaftlich und beruflich. Tauchen denn im Netzwerk nicht auch immer wieder Themen auf, die für die Frauen spezifisch sind?

BF: Wir haben über die Beschneidung von Frauen gesprochen. Das ist ein großes Problem bei den Frauen aus afrikanischen und auch aus einigen arabischen Ländern. Wir haben über die Schwierigkeiten mit Sprache gesprochen. Auch über die Wahrnehmung der Frauen durch die Mehrheitsgesellschaft. Besonders Frauen mit Kopftüchern berichten da über Schwierigkeiten.

DM: Das erschwert ihnen die Integration?

BF: Wir sind Auswanderinnen mit verschiedenen soziokulturellen und sozioökonomischen Fähigkeiten und wir sollen uns in die neue Gesellschaft integrieren. Und das nicht leicht. Es gibt die Forderung, dass wir uns integrieren sollen, und wenn du die Sprache nicht sprichst und die Wahrnehmung hast, dass du als Frau mit Kopftuch insbesondere als Bedrohung wahrgenommen wirst, dir Hass oder Angst entgegengebracht wird, ist das schwer.

DM: Und da gibt es dann sicherlich Probleme, die es den Frauen besonders schwer machen?! Habt ihr Strategien damit umzugehen?

BF: Es gibt durchaus intrafamiliäre Probleme mit Männern… Die Männer verhalten sich wie zuhause, das heißt zum Beispiel die Frau muss – auch wenn sie arbeiten geht – sich um die Kinder kümmern. Es ist als ob die Männer manchmal vergessen, dass sie hier in einer anderen Situation sind. Manche schlagen ihre Frauen, dann fällt es uns schwer, darüber zu sprechen und Empfehlungen zu geben, wie man sich in solchen Situationen verhalten soll.

DM: Gibt es bestimmte Fähigkeiten, in denen sich die Frauen unsicher sind?

BF: Zum Beispiel haben wir gedacht, dass es sicher ein Problem mit der muttersprachlichen Fähigkeit gibt. Gerade für die Frauen, die zuhause Lehrerinnen waren. Gemeinsam mit den deutschen Teilnehmerinnen im Netzwerk haben wir dann überlegt, mit den Frauen in die Abendschule zu gehen. Dort haben wir festgestellt: Die Frauen haben Lampenfieber und wollten nicht mitmachen. Ich meine, sie haben Angst in die Öffentlichkeit zu gehen.

Wir haben dann überlegt, vielleicht machen wir langsam Vorträge. Kleine unter uns zuerst, ein paar Minuten, dann immer länger und führen so die Frauen an die Öffentlichkeit heran. Grundsätzlich sind wir überzeugt, wir haben Erfahrungen und Fähigkeiten, aber wie kann man die neue Gesellschaft überzeugen, dass wir etwas haben, was diese auch braucht? Als Migrant und besonders als Flüchtling wirst du angesehen als jemand, der immer um etwas bittet, der etwas von der Gesellschaft möchte und als jemand, der gar nichts beizutragen hat. Das stimmt natürlich nicht.

DM: Das heißt ja auch, dass die historischen Probleme von Frauen in der Wissenschaft bei Migrantinnen wieder verstärkt auftreten. Vor wenigen Wochen erst gab es in der Zeit einen Artikel über Frauen in der Wissenschaft. Zwar wurde die erste Professorin in Europa, Laura Bassi, bereits 1732 in Bologna berufen, dennoch hatten Frauen zum Beispiel in Deutschland noch Anfang des 20. Jahrhunderts erhebliche Probleme, eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Mileva Maric, die mit Einstein an der Relativitätstheorie geforscht hat, musste sich irgendwann um die Kinder kümmern. Marianne Weber durfte noch 1920 zwar als Gasthörerin an die Uni gehen, aber keinen Abschluss machen. Spielen solche Probleme mit dem Hochschulzugang auch eine Rolle in den unterschiedlichen Herkunftsländern bzw. euren Gesprächen?

BF: In meinem Land zum Beispiel haben Frauen eine eingeschränkte Fächerauswahl. Einige Frauen wollen eine Familie gründen. Um eine Familie gründen zu können, sollte man Lehrerin oder ähnliches werden. Als Ärztin oder Pharmazeutin ist es schwer. Die Frauen aus arabischen Ländern haben erzählt, dass es nicht leicht ist, in verschiedene Fachrichtungen reinzukommen.

DM: Heißt das, es ist gar nicht erlaubt?

BF: Theoretisch ist es erlaubt, aber in der Realität ist es eben schwierig.

DM: So umfassend und gewissenhaft wie ihr arbeitet, gibt es bereits erste Erfolge?

BF: Ein gibt bereits ein paar Frauen, die durch die Arbeit hier im Netzwerk damit begonnen haben, ihre Zertifikate überprüfen zu lassen, um damit beginnen zu können, wieder akademisch zu arbeiten.

 

Mehr Hintergründe zur Repräsentation von Migrant*innen in Deutschland und vielen weiteren Themen liefert die performative Installation „Of All The People In All The World“, für die die britische Theatergruppe Stan’s Cafe Bevölkerungsstatistiken mithilfe von Reiskörnern darstellt. Ab dem 24. Juni wird das Projekt im Auftrag des Impulse Theater Festivals in Koproduktion mit dem Ringlokschuppen Ruhr auf dessen großer Bühne realisiert. Die Silent University ist an der Konzeption und Durchführung des Projekts beteiligt. Konkret zur „Politischen Partizipation von Migrantinnen und Migranten in Zahlen“ sprechen am 27. Juni, 19:30 Uhr Justin Fonkeu (Silent University Ruhr), Craig Stephens (Stan’s Cafe), Kirsten Ben-Haddou (Koordinatorin der Silent University).

 

Bridget Fonkeu ist Consultant der Silent University Ruhr und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin für englische Linguistik an der TU Dortmund.

Dominik Müller ist Dramaturg des Impulse Theater Festival.

 

Stan’s Cafe: Of All The People In All The World
25.–29.06.2017, jew. 15–21 Uhr
Ringlokschuppen, Mülheim an der Ruhr

interkultur.ruhr/stans-cafe
www.silentuniversity.ruhr
www.festivalimpulse.de
www.ringlokschuppen.ruhr

 

4. Netzwerktreffen Interkultur Ruhr: Übersetzen - Zusammenarbeit in einer multilingualen Gesellschaft
03.07.2017, 15 Uhr
Ringlokschuppen, Mülheim an der Ruhr

 

interkultur.ruhr/4-netzwerktreffen-interkultur
Zum Facebook Event

 

Eröffnung der Silent University Ruhr 2015 mit Ahmet Ögut in der dezentrale
Bridget Fonkeu
Vortrag von Justin Fonkeu zur politischen Partizipation von Geflüchteten
Rednerpult in der Silent University
Koordinatorin Kirsten Ben Haddou mit Justin Fonkeu beim Theaterfestival Impulse 2016
Simultanuebersetzung in der Silent University
Ordner mit Vortragsmaterial
Die Silent University Ruhr hat an der Mülheimer Edition der Installation "Of all the People in all the World" von Stan's Cafe mitgewirkt
Multilingualität, Übersetzung