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Sich selbst eine Stimme geben. Ein Gespräch mit Myuslyum Asan von Romano Drom

Myuslyum Asan und Silvana Gashi, Romano Drom, Hagen

Sich selbst eine Stimme geben. Ein Gespräch mit Myuslyum Asan von Romano Drom

von: 
Interkultureller Kalender 2020

Der Interkulturelle Kalender feiert die einzigartige Vielfalt des Ruhrgebiets. Mit der Sonderedition des Jahres 2020 stellen wir jeden Monat interkulturelle Akteur*innen vor und laden zu Veranstaltungen an besonderen Orten ein. Im April steht Romano Drom in Hagen im Mittelpunkt: Johanna-Yasirra Kluhs im Gespräch mit Myuslyum Asan.

Ich treffe Myuslyum Asan an einem Sommertag in Hagen. Er holt mich vom Bahnhof ab. Als ich aus dem Bahnhof herauskomme, steht er dort im herzlichen Gespräch mit einem älteren Mann. Zufällig getroffen, sagt er. Auch später während unserer Unterhaltung kommen immer wieder Leute vorbei, die ihn begrüßen. Am Himmel hängen einige Regenwolken. Aber wir versuchen unser Glück und setzen uns in den Außenbereich seiner Lieblings-Sports-Bar gegenüber vom Hauptbahnhof. Es gibt Cappuccino freddo und selbstgemachte Limonade.

Johanna-Yasirra Kluhs (JYK): Vielleicht kannst du dich erst mal kurz vorstellen: Wer bist du, was machst du?

Myuslyum Asan (MA): Ich bin Myuslyum Asan. Asan ist mein Nachname. Ich bin seit Ende 2015 hier in Deutschland. Ich komme aus Bulgarien, bin verheiratet und habe drei Kinder, drei Jungs. Seit zwei Jahren arbeite ich hier bei der Stadt. Wir sind vom Quartiersmanagement, im Bereich Jugend und Soziales. Ich habe dort als Kultur-und Sprachmittler angefangen. Meine Aufgabe war am Anfang einfach zu übersetzen. Später gab es großes Interesse von vielen Schulen, zum Beispiel bei Elterngesprächen. So sind wir immer weiter und weiter gegangen. Inzwischen sind wir sieben Personen hier beim Quartiersmanagement, alle – außer zweien – mit Roma-Hintergrund.

JYK: Alle außer Zwei?

MA: Ja, wir sind fünf Leute mit Roma-Hintergrund. Und wir sind alle aus verschiedenen Ländern. Ich und noch eine Kollegin sind aus Bulgarien. Eine andere Kollegin ist aus Ex-Jugoslawien, dann haben wir auch Roma aus Rumänien und und und. Die sind jetzt seit zwei Jahren hier in Hagen mit Übersetzungstätigkeiten aktiv, und seit letztem Jahr sind wir auch Bildungsmediatoren, mit dem KI [Kommunalen Integrationszentrum] zusammen. Genauso, wie wir das jetzt machen, haben wir es da auch gelernt.

Ende letzten Jahres wir haben dann überlegt: Okay, die Situation in Hagen ist nicht unbedingt schlimmer als in anderen Städten. Aber es gibt immer mehr und mehr Leute, die unsere Hilfe brauchen. Unsere Hilfe als Aktivisten, sag’ ich mal. Wir haben diese Leute in den letzten zwei Jahren sehr viel unterstützt. Und so haben wir den Romano Drom-Verein gegründet. Und die gute Nachricht ist, dass wir schon 50.000 Euro von der Stiftung EVZ („Erinnerung, Vergangenheit, Zukunft“) bekommen haben.

JYK: Wow.

MA: Wir haben eine kleine Reise nach Berlin unternommen, um unseren Verein zu präsentieren. Romano Drom heißt, ganz kurz: Roma-Weg. So heißt unser Verein. Unsere Ziele sind natürlich sehr positiv. Es geht um Bildung, Gesundheit, Unterstützung in verschiedenen Bereichen. Und auch Büroarbeit und Sozialarbeit, wie wir es jetzt machen.

JYK: Kannst du das noch mal ein bisschen genauer beschreiben? Du hast vorhin gesagt: Die Situation hier ist nicht gut, aber auch nicht so schlimm wie woanders? Kannst du noch mal sagen: Wie ist denn die Situation hier für die Leute, mit denen ihr zu tun habt?

MA: Ja, aktuell wächst die Zahl immer weiter. Derzeit wohnen hier über 3000 rumänische Bürger*innen und ein bisschen mehr als 1500 bulgarische. Insgesamt sind das fast 5000 Bürger*innen aus Rumänien und Bulgarien. Für diese Leute ist das System hier in Hagen sehr, sehr schwer. Ich will jetzt sehr aufpassen damit, was ich sage, aber es ist so. Diskriminierung kommt hier einfach sehr oft vor. Im Jobcenter, im Bürgeramt, allgemein werden sehr viele Leute diskriminiert. Wir vom Quartiersmanagement haben das oft miterlebt.

Wir arbeiten wie gesagt zwei Jahre hier. Oben haben wir Büros, und wir machen den sogenannten Infopoint. Infopoint heißt, da sitzt immer jemand von Montag bis Freitag. Wir wechseln uns ab, unterstützen Menschen bei verschiedenen Aufgaben: Unterlagen ausfüllen, Briefe lesen, Leute begleiten. Wir sind für die Menschen, die zu uns kommen, die letzte Anlaufstelle, wirklich die letzte. Und ich habe selber gemerkt: Wenn ich eine Person oder eine Familie begleite, dann passiert etwas. Aber wenn die Leute allein hingehen, dann werden sie nicht als europäische Bürger*innen akzeptiert. Das ist ein Problem für uns, ein großes Problem. Die Stadt Hagen hat vielleicht nicht genug Geld dafür, kann nicht alle unterstützen. Aber es müsste ein anderes System geben. Dass man die Menschen nicht einfach leiden lässt. Das sind Familien mit Kindern. Wir haben oft gesehen, dass sie manchmal kein Brot zum Essen haben.

Es ist so, wenn Bürger*innen aus einem anderen europäischen Land hier ankommen, gibt es Rechte und Pflichten. Sie müssen einen Arbeitnehmerstatus nachweisen. Das heißt, wenn sie hier ankommen, bekommen sie erstmal gar keine Unterstützung. Sie müssen erst einen Arbeitsvertrag vorweisen, damit sie eine Wohnung bekommen. Und erst wenn sie mindestens drei Monate hier gearbeitet haben, mindestens auf Minijob-Basis, erst dann haben sie das Recht, vom Jobcenter oder der Arbeitsagentur Unterstützung zu bekommen.

Wenn das System sagt: Du musst erstmal arbeiten, es erstmal allein schaffen – das ist sehr schwer. Viele, sehr Viele haben keine Deutschkenntnisse und brauchen Unterstützung; Sprachkurse oder Integrationskurse. Ohne Unterstützung geht es nicht. Suchst du Arbeit, will der Arbeitgeber von dir eine Meldebescheinigung, damit er dich anmelden kann. Du hast aber noch keine Wohnung. Aber du musst trotzdem arbeiten.

JYK: Weil die Leute, die dir die Wohnung geben, sagen: Ich will erst mal sehen, dass du arbeitest.

MA: Genau. Und das passt nicht. Aus meiner Sicht kommt es aus solchen Gründen zu Kriminalität. Ich bin selber Vater, und wenn ich meine Kinder hungern sehe, bin ich zu allem bereit. Viele in der Stadt meinen, die Leute würden irgendwann von alleine weggehen. Aber das ist nicht so. Meine Frau fragte mich einmal: Meinst du die Situation hier wird sich verbessern? Ich habe gesagt: Für viele Leute ist die Situation hier schon besser als an dem Ort, von dem sie gekommen sind. Es sind arme Leute, die herkommen.

Unser Ziel ist es als Verein Romano Drom, die Situation mit städtischer Unterstützung zu verbessern. Wir haben als Ziel auch eingetragen, dass wir mit Kindern und Jugendlichen arbeiten wollen. Denn wir wissen: Die Kinder sind die nächste Generation für unser Land. Ich fühle mich sehr gut angepasst hier. Wir sind ein humanitäres Land. Genau das ist, glaube ich, auch ein bisschen das Problem, denn Menschen außerhalb Deutschlands sehen über die Medien, wie es hier ist: Wow, das ist das Paradies und so weiter. Und erst wenn sie hier ankommen, fangen alle Schwierigkeiten an.

JYK: Mit Romano Drom unterstützt ihr die Menschen konkret bei Behördengängen, macht Bildungsangebote für die Kinder. Ist es auch ein Ziel des Vereins, politisch auf die Stadt einzuwirken?

MA: Das kommt automatisch. Als Romano-Verein haben wir auch das Ziel der Zusammenarbeit mit der Stadt.

JYK: Das heißt, ihr seht euch auch als Ratgeber für die Stadt, wie man die Situation verbessern kann.

MA: Das machen wir auch jetzt aktuell. Soweit ich weiß, gibt es im Jobcenter rumänische Übersetzer*innen, aber keine bulgarischen. Alle kennen uns: das Jobcenter, das Arbeitsamt, fast alle Behörden hier. Unsere Tätigkeit ist sehr wichtig für die Stadt Hagen.

JYK: Wer sind denn die anderen Leute in dem Verein? Ist das das Team vom Quartiersmanagement?

MA: Genau, das ist das Quartiersmanagement-Team: Silvana Gashi, Milena Yolova, Anna Dumitrescu, Catalina Schroer, Andreas Binder, Lajos Gabor und ich. Wir haben einfach zusammen gesessen und haben gesagt: Ok, jetzt gehen wir weiter.

JYK: Was spielt denn Kunst und Kultur für eine Rolle bei Romano Drom?

MA: Ja, wir haben jetzt z.B. zum zweiten Mal am Schwarzweißbunt-Festival teilgenommen und haben auch das Avilem, Avilem-Fest organisiert, um unsere Roma-Kultur hier bekannter zu machen.

JYK: Was habt ihr genau gemacht beim Avilem, Avilem-Fest?

MA: Beim Avilem, Avilem-Fest haben wir uns vorgestellt und versucht, mehr Leute aus verschiedenen Communities zusammenzubringen. Das ist ja auch eines unserer Ziele. Hier gibt es rumänische Roma, bulgarische Roma. Und es gibt die Pfingstler-Communities. Außerdem haben wir viele Leute von Schulen eingeladen und Menschen, mit denen wir sonst viel zu tun haben. Diese Leute wollten wir einfach an einen gemeinsamen Ort bringen, damit sie sich kennenlernen.

JYK: Das heißt, es gibt nicht eine Roma-Community, sondern verschiedene Bürger*innen, also 5000 hast du ja gesagt. Die sind wiederum in einzelnen Gruppen organisiert und man muss Begegnungen zwischen denen schaffen, und dann muss man Vorurteile abbauen und Begegnungen schaffen mit dem Rest der Gesellschaft.

MA: So ist es. Jeder ist erstmal beschäftigt mit seinen Kämpfen. Die Leute haben nur Stress. Wir wollen die Roma untereinander bekannt machen und unterstützen. Wir haben gesagt: Wir stehen jetzt hier. Wir sind Roma. Das ist nicht schlimm. Wir sind einfach Roma und das ist unsere Bewegung. Jetzt müssen wir uns bewegen. Aber zusammen. Es gibt viele Roma, die sich untereinander noch nicht kennen.

JYK: Und wie ist das über die Städte hinaus? Wisst ihr über die Situation in anderen Städten bescheid? Seid ihr verbunden, zum Beispiel mit Duisburg oder Dortmund?

MA: Wir sind noch am Anfang. Wie gesagt, unser Verein ist noch nicht eingetragen. Trotzdem haben wir zum Beispiel zwei Kollegen nach Berlin geschickt. Wir nehmen immer an Workshops teil und haben sogar selbst einen Workshop organisiert, in Iserlohn. Das ist jetzt alles noch nicht ganz so bekannt.

JYK: In Duisburg zum Beispiel ist die Situation sehr schlecht für die Roma-Bürger*innen. Das ist sehr gewaltvoll, wie die Stadt vorgeht, dass sie z.B. viele Leute über Nacht aus den Häusern vertreibt. Ich glaube, weil die Situation so schlecht ist in Duisburg, gibt es dort auch ganz wenig Organisation. Denn die Menschen sind so sehr damit beschäftigt, irgendwie zu überleben, da ist gar keine Zeit für politische Vernetzung. Deswegen finde ich das auch total super, dass ihr es hier geschafft habt. Und das ist ja auch schon ein Schritt, dass die Stadt Hagen Leute als Quartiersmanager einstellt.

MA: Ja richtig. Allein dieses Arbeiten im Quartier ist sehr wichtig. Ohne diese städtische Hilfe und ohne diese Unterstützung würden wir das nicht schaffen. Und zu dieser Geschichte in Duisburg würde ich das gleiche sagen: Die Leute müssen sich einfach zusammensetzen und eine Lösung dafür finden. Denn es gibt immer eine Lösung.

JYK: Habt ihr noch andere Partner, die wichtig sind für euch, außer der Stadt selbst, also Orte und Organisationen, für Romano Drom?

MA: Für Romano Drom ist das erstmal die Stadt. Das ist ja auch schon immer anders. Und wenn wir was anfangen, dann finden wir die Partner ganz schnell. Wenn es um etwas Positives geht, wenn es um eine gute Zukunft geht, dann machen die Leute einfach gerne mit.

JYK: Und habt ihr schon einen eigenen Ort?

MA: Hier im städtischen Gebäude. Wir haben eine ganze Etage für uns: fünf Räume, PCs, Büros.

JYK: Das heißt, da könnt ihr dann auch Workshops machen und für die Kinder was anbieten, oder Diskussionsveranstaltungen?

MA: Genau. Und wir haben wie gesagt Erfahrung mit Projekten – mit Kindern und Erwachsenen. Diese Projekte sind von der Stadt gefördert mit verschiedenen Förderprogrammen, aber wir leiten das. Wir haben im Bereich Wohnen Projekte gemacht, im Bereich Bildung, im Bereich Gesundheit. In all diesen Bereichen sind wir tätig.

JYK: Wenn du so über die Zukunft nachdenkst – in fünf Jahren, die Zukunft von Romano Drom und von den Roma-Mitbürger*innen in Hagen – wie sieht’s dann aus?

MA: Sehr gut. Man muss realistisch bleiben. Aber Romano Drom, denke ich, ist ein Volltreffer. Und die Arbeit hat jetzt erst angefangen. Allein das, was wir bis jetzt gemacht haben und das, was wir für die Zukunft planen, das ist großartig. Und wenn das so ist, dann gibt es keine Grenze. Es geht immer weiter und weiter. Das wünsche ich mir.

JYK: Was hast du denn in Bulgarien für einen Beruf gehabt?

MA: Ich habe einen sehr schönen Abschluss: Ich bin Geigenbauer. In Bulgarien gibt es eine berühmte Schule, wo man Geigenbauer lernen kann. Fünf Jahre habe ich dort gelernt.

JYK: Und machst du das noch?

MA: Also, Geigenbau nicht. Ich male zwischendurch, wenn ich Freizeit habe.

JYK: Und wo ist diese Schule?

MA: Das ist in Казанлък [Kasanlak], in der Mitte Bulgariens. Казанлък ist auch bekannt wegen der Rosen. Chanel macht Parfum mit unseren Rosen. Das ist das stärkste Aroma, das es gibt. Damaszener heißt die Rose.

JYK: Da gibt’s dann sehr viele Rosenfelder?

MA: Sehr, sehr viele. Im April ist es besonders schön. Alles riecht nach Rosen.

JYK: Du hast grade April gesagt. Im April ist ja auch der Internationale Roma-Tag. Findest du das wichtig, dass es diesen Tag gibt? Und: plant ihr eine Aktion mit Romano Drom?

MA: Ja, dieser Tag ist sehr wichtig. Er ist auch wichtig für mich. Ich selber plane ein Projekt mit Kindern. Wir pflanzen Bäume. Wir suchen jetzt Kinder und Jugendliche. Jede*r bekommt einen Baum und ist verpflichtet, sich darum zu kümmern. Also es wird ein bisschen dauern, ein paar Monate, aber das ist ja auch der Sinn. Am Ende pflanzen wir sie an verschiedenen Orten ein, neben Kindergärten, Schulen, einfach überall. Das wird einen großen Effekt haben.

JYK: Es ist auf jeden Fall super zu wissen, dass es euch gibt! Wir bleiben in Verbindung, werden uns und euch darüber informieren, was in den anderen Städten so passiert und vielleicht ergibt sich ja eine Zusammenarbeit, damit sich das mal inspirieren kann. Vielen Dank für das Interview!

MA: Bitte, sehr gerne, und bis bald.

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Der Interkulturelle Kalender 2020 in gedruckter Version kann hier bestellt werden. Eine digitale Version (pdf) zum Herunterladen finden Sie hier.

Der Interkulturelle Kalender des Ruhrgebiets empfiehlt jeden Monat eine besondere Veranstaltung. Am 28. April hat die Bahá’í-Gemeinde Essen zum gemeinsamen Ridván-Fest eingeladen, das an die Verkündigung Bahá’u’lláhs im Garten Ridván in der Nähe von Bagdad im Jahre 1863 erinnert. Die Feier im Bahá’í-Zentrum muss wegen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus leider ausfallen. Weitere Informationen > hier.

Der Interkulturelle Kalender des Ruhrgebiets
Silvana Gashi und Myuslyum Asan, Romano Drom, Hagen
Silvana Gashi und Myuslyum Asan, Romano Drom, Hagen
Myuslyum Asan und Silvana Gashi, Romano Drom
Myuslyum Asan und Silvana Gashi, Romano Drom
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Myuslyum Asan und Silvana Gashi, Romano Drom
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