Back to top

Pizza Pangaea

 

 

 

Was wäre, wenn alle Kontinente zu einer großen Platte verschmelzen würden? Forscher schätzen, dass es in vielen Millionen Jahren so weit sein wird: Pangaea Ultima wird der zukünftige Superkontinent genannt. Fünf Pizzabäckerinnen und -bäcker schieben auf Einladung von Interkultur Ruhr ihre eigenen Visionen der kommenden Welt in den Ofen. In verschiedenen Städten des Ruhrgebiets gibt es im Sommer 2018 „Pizza Pangaea“.

Die Gesellschaft ist in Bewegung. Globalisierung und Migration gehen Hand in Hand. Die Welt, in der wir uns verorten, ist heute schon eine andere als gestern. Wie wird sie morgen sein?

Interkultur Ruhr untersucht die Veränderungen, die unser Zusammenleben im Alltag betreffen, und unsere Vorstellungen weiterer Entwicklung. Der Grafiker Manuel Bürger hat als Symbol für dieses Nachdenken das Motiv der „Pangaea Ultima“ gefunden. Auch geografisch verändert sich das Bild der Erde, nur viel langsamer. Die Welt wächst zusammen zu einem möglichen Superkontinent in ferner Zukunft.

Diesen Gedanken tragen wir unter die Menschen, auch dorthin, wo er nicht erwartet wird. Zum Beispiel in die Gastronomie: Die „Pizza“ ist ein Zeichen für die lebendige Vielfalt einer kulinarischen Idee. Fast überall auf der Welt gibt es Pizza in unterschiedlichsten Formen, und jede Kultur gestaltet sie nach ihrem eigenen Geschmack. Auch im Ruhrgebiet kreuzen sich die Wege von Menschen verschiedener Herkunft in den zahlreichen Pizzerien. Portugiesisch, albanisch, türkisch, italienisch – mit diesen Sprachen sind beispielsweise die teilnehmenden Pizzeriabetreiber*innen aufgewachsen.

In Dortmund, Bochum, Hattingen, Essen und Duisburg kann man derzeit „Pizza Pangaea“ probieren. Jede der Pizzerien hat sich dazu ein eigenes Rezept ausgedacht. Ausgeliefert wird „Pizza Pangaea“ in einem eigens dafür entworfenen Pizzakarton. Schüler*innen der Anne-Frank-Gesamtschule und der Youngsters Akademie aus Dortmund haben eine Expedition durch das Ruhrgebiet unternommen, mit Pizzabäcker*innen und Gästen gesprochen und eine Webserie gedreht, die das Projekt vorstellt.

Pizza Pangaea ist Brainfood. Die Aktion gibt Denkanstöße im Alltag: Wie würden wir zusammenleben, wenn die Kontinente schon morgen eins würden? Wird diese Welt noch Grenzen haben? Und ist das Ruhrgebiet nicht bereits heute eine Pangaea?

Guten Appetit!

Mehr

Teilnehmende Pizzerien:

 

Pizzeria da Geanni, Dortmund

  • Portrait Lucelia Mourao
  • Pizzeria da Geanni, Dortmund

Schnittlauch, Broccoli, Champignons, Koriander, Knoblauch, Peperoni, Basilikum. Und Käse, wer mag. Bei Lucelia bekommt man ihre Version der „Pizza Pangaea“ auf Wunsch vegan. „Ich habe gedacht, das muss mindestens vegetarisch sein. Pangaea hat mit der Welt zu tun, mit Multikulti. Man denkt vielleicht an Thailand oder andere Kontinente. Es klingt grün. Deswegen verwende ich nur frische Zutaten, kein Gewürzpulver.“ Das Projekt gefällt ihr. Sie meint, es wäre ebenso bunt wie der Stadtteil, in dem sie ihr Lokal betreibt.

Im Dortmunder Unionviertel ist die Pizzeria im Eckhaus an der Sudermannstraße eine Institution. Gegründet wurde sie 1988, wobei der erste Besitzer bereits nach einem halben Jahr das Handtuch warf. Dann übernahm Joaquin, ein Portugiese, das Geschäft. Alle nannten ihn Jeanni. Das klingt italienisch. Also „Da Jeanni“. Ihren (mittlerweile Ex-) Mann, einst Geschäftspartner von Joaquin, lernte Lucelia in Rio de Janeiro kennen. Ein Studium als Lehrerin schloss sie die Brasilianerin noch in ihrer Heimat ab, bevor sie 1997 nach Dortmund zog. Nein, dass sie dort einmal eine Pizzeria betreiben würde, das hatte sie nicht gedacht. „Das begann vor 21 Jahren. Ich habe nie einen anderen Job gehabt. Das ist mein Leben, meine Welt, mein Alles.“ Als Joaquin zurück nach Portugal ging, übernahm das Paar das Geschäft, welches sie seit Jahren eigenständig führt. „Die Stammkunden haben sich gefreut, dass ich weitermache. Inzwischen kommen schon Kinder von Kindern, die damals bei uns gegessen haben.“

PIZZERIA DA GEANNI
Sudermannstraße 13
44137 Dortmund
☎ 0231 162425
pizzeriadageanni.de

Mehr

 

Pizza, Bochum

  • Portrait Michael & Natalie
  • Pizza, Bochum

Schlicht „Pizza“ haben Natalie und Michael ihre kleine Gaststätte genannt. Sie liegt am Hans-Ehrenberg-Platz in Bochum, Hausnummer fünf. Die beiden vergleichen den Platz spontan mit dem Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Hier trifft sich die Szene, Künstler und Schauspieler, junge Familien mit Kindern. Eröffnet haben sie ihre „Pizza“ vor drei Jahren, zuvor war an besagter Adresse die Kaffeebar „Baristoteles“ ansässig. Es kam zu einem Tauschgeschäft. Michael, der sich auch bestens mit Kaffee auskennt, nannte eine hochwertige Röstmaschine sein Eigen, der Barbetreiber suchte nach einem passenderen Standort für sein Unternehmen.

Jetzt gehört ihm die Maschine, Natalie und Michael konnten das Ladenlokal übernehmen. Ursprünglich stammt das Paar aus Russland, St. Petersburg. Dort hatte sie als Ingenieurin gearbeitet, er als Anwalt. „Die Gastronomie ist das typische Geschäftsfeld für Asylanten, für Ausländer“, sagt Michael. „Man benötigt keine Ausbildung, Punkt. Jeder denkt, das schaffe ich.“ Sein Ehrgeiz gilt der original neapolitanischen Pizza, wie sie von der UNESCO in den Rang eines Weltkulturerbes erhoben wurde. Diese zeichnet sich durch einen besonders luftigen Teig aus und schwarze Punkte am Rand, die beim Backen entstehen. Ein Qualitätsmerkmal, unter Kennern „Leopard“ genannt, wie Natalie sagt. Von ihr stammt die Idee, mittels Belag die Umrisse der „Pangaea Ultima“ darzustellen. Gute Ergebnisse erzielt sie mit Spinat. Dazu könnte ein Glas Wasser gereicht werden, das Meer zu symbolisieren.

PIZZA
Hans-Ehrenberg Platz 5
44789 Bochum
☎ 0234 9735310
facebook.com/pizzaehrenfeld

Mehr

 

Pizzeria bei Salvatore, Hattingen

  • Portrait Guiseppe Cottitto & Team
  • Pizzeria bei Salvatore, Hattingen

„Mein Vater war siebzehn, sehr jung, als er aus Sizilien nach Deutschland kam“, sagt Guiseppe Cottitto. „Das war Anfang der 1970er Jahre. Damals wusste in seiner neuen Heimat noch niemand, was eine Pizza ist.“ Zunächst hielt sich der Vater mit Bauarbeiten über Wasser. Bald aber gehörte er zu den Einwanderern, die den Speiseplan der Deutschen erheblich erweitern sollten. Sein erster Beitrag war ein Stehlokal in Essen, bevor er 1981 in Hattingen „Bei Salvatore“ eröffnete. Die Stadt im südlichen Ruhrgebiet erhielt ihre erste Pizzeria. Ein reiner Familienbetrieb.

Heute unterstützt sein Sohn das Pangaea-Projekt in der Hoffnung, seinen Teil für ein offenes Deutschland beisteuern zu können. „Das ist das Schöne am Multikulturellen“, sagt er. „Es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Wir haben den einen Planeten. Wir alle profitieren, wenn wir voneinander lernen. Es ergibt keinen Sinn, sich zu versperren.“ An Wochenenden ist Hattingen Ziel zahlreicher Touristen, darüber hinaus trifft sich samstags „Bei Salvatore“ ein internationaler Stammtisch. Seit dem ersten Tag werde das Projekt von ihren Gästen diskutiert, sagt Frau Cottitto. Man müsse immer wieder erklären, um ein gutes Zusammenleben möglich zu machen. Was die konkrete „Pizza Pangaea“ betrifft, lässt sie ihre Kundschaft Wunschpizzen zusammenstellen. Guiseppe Cottittos Fazit lautet, „Essen ist das beste Mittel, über Grenzen hinwegzuschauen. Bevor man ein Urteil fällt, sollte man stets zwei Mal nachdenken. Mindestens zwei Mal.“  

PIZZERIA BEI SALVATORE
Heggerstr. 12
45525 Hattingen
☎ 02324 21760
beisalvatore.de

Mehr

 

Casa Della Pizza, Essen

  • Portrait Aynur Özcan & Leyla
  • Casa Della Pizza, Essen

Vom Belag her sind es Klassiker, doch tragen die meisten Pizzen auf der „Casa Della“-Karte ungewöhnliche Namen für ihresgleichen. „Napoli“ oder „Roma“ sind hier nach deutschen Städten benannt. „Die mit Hähnchen heißt „Düsseldorf“, das assoziiere ich mit Stärke. Düsseldorf ist ja die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen. Eher fischige Sachen kommen aus dem Norden.“ Bei Aynur spielt Fantasie offenkundig eine wichtige Rolle. Zu den deutschen Städten gesellt sich nun mit „Pangaea“ ein utopischer Kontinent.

Aynur belegt ihn mit Tomaten, Peperoni, Schafkäse und Oliven. „Diese Kombination entspricht einem beliebten Frühstück in der Türkei. Bei Pizza kann man sehr kreativ sein“, sagt sie. „Und ich kann Klischees durchbrechen.“ Zum Beispiel, türkische Wurzeln zu haben und nicht Döner zu verkaufen, Pizza zu backen ohne ein Mann zu sein. „Für viele Gäste war das anfangs interessant.“ Eröffnet hat sie ihr Geschäft im Sommer 2014. Das Ladenlokal im Essener Südviertel stand da bereits über sechs Monate leer. In den vorangegangenen fünfzehn Jahren wurde immer wieder versucht, hier eine Pizzeria zu betreiben. Länger als ein halbes Jahr hielt kaum ein Pächter durch. Aynur gelang es. Zunächst allein, später gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Leyla. Dass sie zuvor, per Bachelor an der FH Gelsenkirchen qualifiziert, bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in Düsseldorf gearbeitet hat, um sich dann mit einer kleinen Pizzeria selbständig zu machen, entspricht auch keinem Stereotyp.

CASA DELLA PIZZA
Vöcklinghauser Str. 1
45130 Essen
☎ 0201 7220009
casadellaessen.de

Mehr

 

Pizzeria Portofino, Duisburg

  • Portrait Adrian Ramaj & Kollege
  • Pizza Pangaea in der Pizzeria Portofino, Duisburg

Die „Böninger Mühle“ war eine Traditionsgaststätte in Duisburg-Hochfeld. „Wir kannten die Betreiber gut“, sagt Adrian Ramaj. „Unsere kleine Pizzeria lag nur hundert Meter entfernt. Zwanzig Jahre Nachbarschaft. Wir kannten auch die Vorbesitzer. Das ist in einem Viertel so.“ Für alte Kneipen sind es schwierige Zeiten. Umsatz wird im Szene-Kiez gemacht. Ramaj, Albaner aus dem Kosovo, kam 1994 nach Deutschland, dem Krieg in seiner Heimat zu entgehen. Im Ruhrgebiet gab es entfernte Verwandte. „Mein Abitur zählte hier nicht. Die Sprache beherrschte ich nicht. Was konnte ich machen? Tellerwäscher in einer Pizzeria.“ Der junge Mann lernte Deutsch und Pizzabacken. 1996 konnte er ein eigenes Geschäft eröffnen, die „Pizzeria Portofino“. Die war bald zu klein.

Das Hauptgeschäft lief dann per Lieferdienst, noch heute ein wichtiges Standbein. Das macht unabhängig. Es wäre ihm sonst vielleicht ergangen wie den Betreibern der Mühle. Als die vor zwei Jahren schließen musste, wagte er den Umzug, renovierte und betreibt heute ein großzügiges Restaurant mit Biergarten. „Und Kegelbahn. Eigentlich wollten wir die abbauen, aber es gibt Leute, die kegeln dort seit vierzig Jahren. Das kann man nicht wegnehmen. Die müssen auch nicht dafür bezahlen.“ Seine „Pangaea“-Version ist eine Pizza „mit allem“, weil es zur Philosophie des Ultima-Kontinents passt. Online trägt sie den Namen „Portofino“, denn im Prinzip ist sie nicht neu. „Der Aufwand, sämtliche Karten der Lieferdienste zu ändern, wäre einfach zu groß.“

PIZZERIA PORTOFINO
Karl-Jarres-Str. 131
47053 Duisburg
☎ 0203 663298
portofino-pizzeria.de

Mehr