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7. Kulturkonferenz Ruhr: Notizen einer Teilnehmerbeobachtung

Kulturkonferenz Ruhr 2018: Diskussionsrunde zum Thema "Kunst und Wissen diversifizieren"

7. Kulturkonferenz Ruhr: Notizen einer Teilnehmerbeobachtung

von: 
Alexis Rodríguez Suárez

Alexis Rodríguez Suárez begleitet das Programm von Interkultur Ruhr seit Jahren als Freund und Kollege. Als kritischer Beobachter war er zur Kulturkonferenz Ruhr 2018 eingeladen. Dort begegnete er einigen bekannten Gesichtern, lernte aber auch eine Reihe neuer Personen, Institutionen und Projekte kennen. Seine komplette Beobachtung gibt es zum Download hier. Einen Auszug seiner Reflexionen könnt ihr im folgenden lesen:

Am Freitag, dem 14. September 2018, findet die Kulturkonferenz Ruhr in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord statt. Die Konferenz wird als Raum für den Dialog und die Diskussion zwischen Fachleuten des Kultursektors in der Region vorgestellt. In diesem Jahr stehen Diversität, Inter- / Transkulturalität und die Frage nach Form und Inhalt der Kulturinstitutionen im Vordergrund.

10:55 — Die Macht der Geschichten. Nach einigen Grußworten tritt eine elegant gekleidete junge Frau auf die Bühne. Sie trägt ein Kopftuch, das ihr Haar bedeckt. Sie eröffnet ihren Vortrag mit der Lesung von zwei Geschichten. Durch beide Geschichten waren wir in der Lage, Erlebnissen, von denen wir bisher abstrakt gesprochen hatten, Gesicht und Namen zu geben. Welche Auswirkungen hat Rassismus im Alltag? Wie kommt es, dass mit Blicken, kleinen Gesten und Kommentaren "ohne böse Absicht" erreicht wird, dass Menschen, die anders sind, diesen Unterschied als Ungleichheit empfinden? Es sind diese konkreten, einfachen, verständlichen Geschichten, die die Kraft haben, die konkreten Gesichter von Menschen mit Träumen, Familien, Sehnsüchten und Ängsten sichtbar zu machen, die unter dem Begriff "Migration" verdeckt bleiben.

Kübra Gümüşay vermittelt uns die Idee der Unsichtbarkeit der Medienwelt und erklärt, wie wir mit abstrakten Konzepten wie „Immigranten“ oder „Flüchtlinge“ aufhören, über bestimmte Menschen zu sprechen. Sie schlägt uns vor, uns eine Medienlandschaft vorzustellen, in der Migration eher von Menschen mit konkreten Geschichten als von Statistiken und Problemen thematisieren wird. Kübra schließt ihre Rede mit einigen Empfehlungen darüber, wie man mit den trägen Debatten umgehen kann, die die Agenda der extremen Rechten uns auferlegt. Sie hat uns erklärt, inwiefern diese Debatten keine tatsächlichen gesellschaftlichen Debatten sind, da die dazugehörigen Fragen nicht darauf ausgerichtet sind, irgendein Ziel zu erreichen, sondern uns von anderen Themen abzulenken; von anderen Debatten, die wirklich wichtig sind. Debatten gehen davon aus, dass es Meinungsverschiedenheiten in einer Gesellschaft geben kann. "I agree to disagree with you", sagt Kübra, solange es keine Ideen gibt, die die Integrität anderer und ihr Recht auf Leben angreifen.

11:35 — Mit ruhiger Stimme nimmt uns Ayşe Güleç mit auf einen Ausflug durch verschiedene Erlebnisse und Aktionen auf dem Gebiet der Kunst. Dabei legt sie besonderen Wert auf unsichtbare Geschichten. Im ersten Teil ihres Vortrags zeigt sie uns ein Video von der Aktion “Mind the trap” in Berlin. Ayşe benutzt das Beispiel, um ihre Rede fortzusetzen und die Notwendigkeit zu unterstreichen, andere Wege der Verwaltung kultureller Institutionen zu finden. Eine Notwendigkeit, neue Strukturen zu finden, die die Vielfalt bereits enthalten und die wir dennoch weiterhin "andere Geschichten" nennen.

Die andere Erfahrung, über die Ayşe spricht, ist ihre Arbeit beim "Tribunal NSU-Komplex". Die Art und Weise, in der dieses Projekt entwickelt wurde, demonstriert, auf welche Art und Weise Kunst und kulturelle Institutionen Geschichten sichtbar machen können. Die Kooperation zwischen Wissenschaft und Kunst fördert andere Wege, nach denen Wissenserschaffung verstanden werden kann. Ich fand es besonders interessant, das Potenzial eines Projektes wie dem von Ayşe zu erkennen. In einem Fall wie diesem wird klar, wie schmal die Grenze zwischen Kunst und Politik ist. Es ist die Kontinuität dieser künstlerisch-politischen Praxis, die von einer Ausstellung mit einem mehr oder weniger konventionellen Format in eine Demonstration draußen auf der Straße führt. Ich finde, dass seine Besonderheit dieses Beispiel so interessant und komplex macht. Es ist kein Projekt, das allgemein von „Migration“ handelt oder sich abstrakt „gegen Rassismus“ positioniert, sondern sich mit einer einzigartigen Geschichte auseinandersetzt, die nicht nur künstlerische Ziele verfolgt, sondern eine Suche nach Gerechtigkeit darstellt.

14:00 — Nach der Mittagspause beginnen die Aktivitäten von vier parallel arbeitenden Arbeitsgruppen. Ich entscheide mich dazu, an der Arbeitsgruppe teilzunehmen, die sich auf das Thema „Kunst und Wissen diversifizieren“ fokussiert. Dazu ist ein Diskussionspanel mit Stefan Hilterhaus, Ayşe Güleç, Bridget Fonkeu und Madhusree Dutta als Teilnehmenden vorbereitet worden. Die Moderation wird von Aurora Rodonò übernommen. In diesem Panel hat Riema Al-Khatib die Übersetzung für Madhusree gemacht. Die Arbeitsgruppe hat sich der Frage nach den hegemonialen Strukturen von Wissenschaft und Kunst gewidmet. Zum großen Teil ist die Sprache oder vielmehr die institutionelle Monolingualität Ausdruck dieser Hegemonie, die in dieser Arbeitsgruppe angesprochen wird. Dies geschieht in diesem Panel auch in der Praxis: Hier werden durchgehend mindestens zwei Sprachen benutzt.

Madhusree Dutta von der Akademie der Künste der Welt in Köln erklärt, dass der Gegensatz von Diversität, der Monokulturalismus, eine zentrale, hegemoniale Position einnimmt, die allen als Referenzpunkt zu dienen hat. Aus diesem Grund wird oft angenommen, dass man, um Vielfalt zu finden, an den Rand reisen muss, um von diesem zentralen Punkt wegzukommen. Dagegen sagt Madhusree, dass es notwendig sei, den Menschen, die sich im Zentrum befinden, vorzuschlagen, auf der Suche nach Vielfalt nicht in die Peripherie zu reisen, sondern den Boden unter ihren eigenen Füßen zu erkunden. Sie werden entdecken, dass es viel mehr Vielfalt gibt, als sie dachten.

Bridget Fonkeu schließt an den Vortrag an und erläutert die Erfahrungen der Silent University und der dort gebildeten Frauengruppe. Auf deutsch und englisch erzählt sie von ihren Erfahrungen als Geflüchtete in Deutschland. Von den Schwierigkeiten, auf die sie in dem von Madhusree angesprochenen Zentrum getroffen ist. Mit der Silent University stellt sie die Hegemonie akademischer Institutionen in Frage – allem voran hinsichtlich des Umgangs mit der Diversität und den Hochschulabschlüssen geflüchteter Menschen.

Stefan Hilterhaus spricht als Leiter von PACT Zollverein, eines kulturellen Zentrums, in dem Strategien zur Inklusion verschiedener Disziplinen, Stimmen und Geschichten erforscht und erprobt werden. Gleichzeitig werden dabei auch Räume für Zusammenarbeit und Kreativität geschaffen, in denen Vielfalt und Pluralität keine Ausnahme, sondern wesentliche Eigenschaften sind.

Ayşe Güleç verwendet das Konzept der Porösität, die kulturelle Institutionen anwenden müssten, um Ergebnisse wie die, die Stefan geschildert hat, zu erreichen. Wir sprechen von einer Transformation, in der translokale Probleme vorhanden sind. Dies beinhaltet die Überprüfung der Art und Weise, in der Wissen produziert und verteilt wird, um anderen Geschichten und anderen Ästhetiken eine Stimme zu geben.

16:00 — Am Ende der Gruppenarbeit folgt eine kurze Kaffeepause, und in einem kleinen Teil unserer Arbeitsgruppe machen wir es uns zur Aufgabe, die Höhepunkte der Diskussion aufzuschreiben. Es ist eine sehr schwierige Aufgabe, aber wir schaffen es, aus einigen Sätzen Leitfäden zu machen, um die wesentlichen Ergebnisse später mit anderen Teilnehmenden teilen zu können. Die Abstraktion, zu der uns diese Syntheseübung zwingt, bringt uns zurück zum Allgemeinen. Wir haben beim Lernen einen gemeinsamen Weg beschritten, und dieser Weg macht letztendlich den Unterschied. Als wir uns mit den Anderen versammeln, um uns auszutauschen, erkenne ich, dass wir nicht die einzigen gewesen sind, die Schwierigkeiten hatten, den Weg in ein paar Worten zu beschreiben, den wir in etwas mehr als zwei Stunden der Diskussion gegangen sind. Viele der einzigartigen und konkreten Geschichten haben Verallgemeinerungen und Sätzen weichen müssen, die versuchen, die Hauptideen zu enthalten. Im Falle unserer Gruppe stellen wir das Konzept der Porösität vor, und dass es notwendig sei, auf Privilegien zu verzichten, damit die Strukturen transformiert werden können. Und dass wir andere Bilder Narrative und die Sichtbarmachung von Alltagsexpert*innen brauchen!