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„Alles war wild und unbeschwert.“ Notiz zur Filmbude in Essen-Borbeck am Tag der Trinkhallen

Filmstill von Jürgen Becker

„Alles war wild und unbeschwert.“ Notiz zur Filmbude in Essen-Borbeck am Tag der Trinkhallen

von: 
Max Florian Kühlem

Am Kiosk im Park in Essen-Borbeck haben nicht nur 1968 die Internationalen Essener Songtage die Idee eines anderen Lebens in die Stadt getragen – das andere Leben hat um die kleine Trinkhalle herum spätestens ab den 70er Jahren ganz einfach stattgefunden. Der Borbecker Jürgen Becker hat einen Ausschnitt des Lebens in seinem Stadtteil in diesen Jahren dokumentiert. Seine internationale Nachbarschaft fand sich 1974 zusammen, um gemeinsam einen Spielplatz auf einer anliegenden Brachfläche zu bauen. Ein zweiter Film zeigt ein Grundschulfest. Genau in der Mitte zwischen Spielplatz und Schule lag und liegt der Kiosk am Park - und da wurden auch damals schon fleißig Süßigkeiten erworben…

Die Filme sind anlässlich des Tags der Trinkhallen am 25. August am Büdchen zu sehen. Max Florian Kühlem und Johanna-Yasirra Kluhs haben Jürgen Becker und seine Tochter Alexandra vorab zum Gespräch getroffen.

Vater Jürgen und Tochter Alexandra Becker waren 1974 Teil einer gelebten Utopie. Gemeinsam mit direkten Nachbarn aus ihrem Viertel in Essen-Borbeck bauten sie einen Abenteuerspielplatz und eine große Holzhütte für gemeinsame Feste auf der Brachfläche zwischen ihren Wohnhäusern. Dabei war ganz egal, ob die Menschen aus der Türkei, Griechenland, Deutschland oder Indien stammten und welche Hautfarbe sie hatten. Hauptsache, sie hatten Lust, mit anzupacken, um ihren Kindern ein spannenderes Umfeld und sich selbst einen Begegnungsort zu schaffen. Wir sprachen mit den beiden über das Projekt und den Super-8-Film dazu.

Herr Becker, Sie sind jetzt 78 Jahre alt und immer noch im Stadtteil aktiv – als Vorsitzender des Kultur-Historischen Vereins und Mitglied des Bürger- und Verkehrsvereins. Leben Sie schon immer in Borbeck?

Jürgen Becker: Ja, Hebamme Meier hat mich in der Herbrüggenstraßezur Welt gebracht. Dann habe ich mal mitten in Borbeck gewohnt, aber seit 1981 wohne ich wieder in der Herbrüggenstraße.

Wie kam es dazu, dass Sie 1974 gemeinsam mit Nachbarn einen Spielplatz bauten?

Jürgen Becker: Wir wohnten in der Villa an der Residenzaue, die lag an einer brach liegenden Fläche mit einem kleinen Hügel, den nannten wir den Berg. Drumherum gab es eine lebendige Nachbarschaft und der Kontakt untereinander war gut. Das lag vor allem an den Kindern –die waren immer draußen und immer mit den Nachbarn zusammen.

Alexandra Becker: Man sieht heute, dass alles etwas zugebaut ist, aber früher war die Fläche größer und offener. Auch unser Garten war immer offen und alle Kinder haben dort ausgelassen gespielt, manchmal zum Leidwesen unserer Mutter. Und dazwischen war eben das städtische Grundstück.

Jürgen Becker: Das war nicht städtisch. Das gehörte uns. Und damit die Kinder beschäftigt waren, haben wir uns überlegt, da tätig zu werden. Das hat damit angefangen, dass wir einen alten, ausrangierten Bus von der EVAG gekauft haben für 200 D-Mark. Und wir haben auf dem Berg einen Mast aufgestellt und für die Kinder ein Seil gespannt, an dem sie auf einem Reifen runterfahren konnten.

Haben Sie dafür einen Verein gegründet oder haben die Nachbarn einfach gemacht?

Jürgen Becker: Wir haben das einfach gemacht. Wir haben eines Tages zusammengesessen und das beschlossen. Es hat die Sache natürlich vereinfacht, dass uns das Gelände gehörte und wir es zur Verfügung stellen konnten. Wir haben den Kindern sogar eine kleine Asphaltfläche geschaffen, wo sie Rollschuhlaufen konnten. Und wir Erwachsenen haben gelegentlich zusammen gegrillt. Das waren dann richtige kleine Feste.

Alexandra Becker: Die Männer haben die Rollschuhbahn gebaut, die Holzhütte und die Seilbahn, die Frauen haben den Bus mit Sesamstraßen-Figuren bemalt.Und das alles neben der Arbeit.Mein Vater war zum Beispiel Einzelhandelskaufmann, hat in der Woche Kunden beliefert und am Wochenende dann hier weiter malocht, um uns Kindern ein Paradies zu schaffen.

Und da sind unterschiedlichste kulturelle Einflüsse zusammengekommen?

Alexandra Becker: Ja, hier lebten Griechen, Türken, Polen und sogar Inder – was es damals in Deutschland noch nicht so häufig gab. Wir Kinder sind immer gemeinsam durch die Gegend gezogen und es gab überhaupt keine Berührungsängste.

Jürgen Becker: Die Kinder haben uns die neuen Kontakte einfach vorgesetzt. Die waren wohl farbenblind (lacht) – und das war gut so! Wir sind aber nur draußen oder in unserer Holzhütte zusammengekommen. Wir sind nicht in die Wohnungen der Familien reingegangen.

Alexandra Becker: Wir Kinder schon. Als die türkische Familie hier hergezogen ist, konnten die Kinder noch kein Wort Deutsch, aber wir haben einfach zusammen gespielt – ohne Worte sozusagen. Über das Spielen hat man Einblicke in die andere Kultur bekommen. Ich war manchmal bei Hüseyin Zuhause und habe ihm Mathe-Nachhilfe gegeben, weil ich etwas älter war. In die Wohnung zu kommen, war wie eine andere Welt zu betreten. Die Einrichtungsgegenstände aus der Türkei, die dicken Teppiche… Man zog die Schuhe am Eingang aus und bekam Schlappen… Dann der türkische Teekocher. Das war spannend. Und wenn man draußen war und zusammen Fußball auf dem Garagenhof gespielt hat, dann war die Nationalität sowieso vollkommen egal.

War dieser selbstverständliche Kontakt damals normaler Ruhrgebietsalltag – oder schon etwas Besonderes?

Alexandra Becker: Ich glaube, dass es etwas Besonderes war und mit der offenen Anordnung der Häuser um diese Fläche hier zu tun hatte. Das Areal war wie ein Kreis eingefasst. Da kam automatisch alles zusammen. Wir sind zusammen rumgestromert und hatten einen Freiraum, zu dem auch noch der Borbecker Schlosspark und das Gelände der Dampfbierbrauerei in der Nähe gehörten. Wir wussten nur: Wenn die Straßenlaternen angehen, dann müssen wir wieder Zuhause sein. In einer Hochhaus-Siedlung wäre das alles so sicher nicht möglich gewesen.

Das wäre vielleicht mal ein guter Hinweis an Stadtplaner…

Alexandra Becker: Unbedingt.

Warum haben Sie sich damals eigentlich entschieden, das Nachbarschaftsprojekt zu filmen?

Jürgen Becker: Ach, das war einfach „in“. (lacht)

Sechs Jahre währte Ihre Zeit am Spielplatz-Paradies, dann mussten Sie umziehen. Sind Kontakte von damals bestehen geblieben?

Alexandra Becker: Uns war nicht nur die Nationalität egal, sondern auch, ob die Kinder aufs Gymnasium gingen, auf die Realschule, Hauptschule oder Förderschule. Aber daraus haben sich eben sehr unterschiedliche Ausbildungs- und Lebenswege ergeben. Die einen studierten, die anderen machten eine Ausbildung, einige zogen weg… Einige Eltern wohnen aber noch hier und wenn ich mit dem Hund meiner Tante spazieren gehe, dann treffe ich sie und tausche mich aus. Eine Freundin von damals habe ich auch noch, Beate, und dann hat sich vor drei Jahren plötzlich Hüseyin über Facebook gemeldet.

Haben Sie ihn getroffen?

Alexandra Becker: Tatsächlich ja! Das war sehr spannend, aber man hat auch gemerkt, dass man in verschiedenen Welten lebt. Hüseyin hat ein kleines Unternehmen aufgebaut, wo er in leitender Position tätig ist und hat eine Tochter. Aber er erzählte auch, dass er in jungen Jahren in der Türkei eine Frau heiraten musste, die seine Mutter für ihn bestimmt hatte. Er kannte sie kaum und ist sehr unglücklich gewesen. Dank seines Onkels ist die Ehe wieder aufgelöst worden. So etwas ist für uns natürlich unvorstellbar, aber ich weiß jetzt: Es dauert manchmal über Generationen bis sich solche Traditionen verändern. Er hat danach aber eine Frau gefunden, mit der er bis heute glücklich ist.

Wenn Sie den Film heute schauen, haben Sie das Gefühl, das waren eine andere Zeit und eine andere Gesellschaft? War mehr Gemeinschaft möglich?

Jürgen Becker: Vielleicht… Ich kann nur sagen: Wir waren immer ziemlich offen und sind es noch. Unsere jüngste Tochter Britta musste immer Action haben und lebt heute auf einem Bauernhof. Wir sind damals auch viel gereist, haben Camping gemacht. Mit den Kindern und dem VW-Bulli ging es schon Anfang der 1970er nach Italien, Spanien und Frankreich. Und wir Erwachsenen waren damals auch schon in der Türkei und in Russland.

Alexandra Becker: Ich glaube schon, dass Kindheit heute meistens anders aussieht – was ich bedauerlich finde. Bei uns war alles sehr wild und unbeschwert und wir waren von unseren Elternhäusern nicht so geprägt, in Differenzen zu denken. Es waren eben alles Kinder. Ich denke gern zurück und es gibt immer noch die Idee, dass wir die Blagen von damals mal alle zusammenrufen und uns die Filme gemeinsam im Borbecker Heimatmuseum„Alte Cuesterey“angucken.

Haben Sie sich über die Jahre weiter für den Stadtteil engagiert?

Jürgen Becker: Ja, in den 1980er-Jahren, da haben wir einen Bürgerprotest gegen den Abriss des Steenkamp Hof organisiert. Wir haben tatsächlich erreicht, dass der alte Bauernhof erhalten und unter Denkmalschutz gestellt werden konnte und aus dieser Initiative heraus hat sich der Kultur-Historische Verein Borbeck gegründet.

Hat sich der Stadtteil stark verändert?

Jürgen Becker: Es gibt eine neue Straßenführung und mehr Bebauung und es sind mehr Menschen aus anderen Ländern hergezogen. Das stört uns nicht und ist auch kein Problem, aber es gibt auch keinen besonders intensiven Kontakt.

Alexandra Becker: Mein Vater hat damals schon an Menschen aus der Türkei vermietet, was nicht unbedingt jeder gemacht hätte. Heute wohnen hier auch Syrer und Libanesen und es gibt neue Vorbehalte. Aber man sollte es einfach machen wie mein Vater und die Menschen treffen, persönlich kennen lernen. Dann kann man schauen, was sie individuell für einen Eindruck machen, ob man sich versteht. Das ist das, was zählt - heute wie damals. Vorurteile bringen niemanden weiter. Wenn viele Kulturen zusammenkommen, sollte man sich mit großer Offenheit austauschen und jeder kann sich das Beste heraussuchen. So wie wir das als Kinder gemacht haben: Wir haben diese Einblicke als spannend empfunden, Toleranz war Normalität.

Lassen Sie uns doch einmal rausgehen auf den „Berg“, um den Sie 1974 das Spielplatz-Paradies errichtet haben. Was ist davon übrig?

Jürgen Becker: Heute wachsen hier Bäume, die haben sich alle selbst gepflanzt. Die alte Rutsche da ist noch von uns und heute spielen hier Kinder der anliegenden Kita – was mich persönlich sehr freut. Die Zäune um alle anliegenden Gärten, die gab es damals allerdings noch nicht. Damals war alles offen und man kam in der Mitte zusammen.

Kiosk am Park
Fürstäbtissinstr. 57
45355 Essen

Weitere FILMBUDEN am Tag der Trinkhallen: hier.

Fotoalbum der Familie Becker
Erinnerungsstücke
Zeitungsausschnitt von 1974
Zeitungsausschnitt von 1974
Kiosk am Park, Essen-Borbeck