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Die Unsicherheit aushalten. Ein Gespräch mit Sandy Brede (acting in concert)

Interkultureller Kalender 2022. Foto: Guido Meincke

Die Unsicherheit aushalten. Ein Gespräch mit Sandy Brede (acting in concert)

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Interkultureller Kalender 2022

Der Interkulturelle Kalender feiert die einzigartige Vielfalt des Ruhrgebiets. Mit der Edition 2022 stellen wir jeden Monat Akteur:innen vor, die das kulturelle Leben im Ruhrgebiet mitgestalten. Im Mai steht die Konzertreihe „acting in concert“ im Mittelpunkt. Fabian Saavedra-Lara hat mit Sandy Brede über ihre Arbeit in Witten gesprochen. Das vollständige Interview findet sich in der Publikation „Worauf wir uns beziehen können. Interkultur Ruhr 2016-2021“.

Seit 2017 arbeitet acting in concert – meist in der kleinen Stadt Witten im Ruhrgebiet – an einem Kontext für queere, antirassistische und antikapitalistische Projekte, die damit experimentieren, wie Menschen durch Sound zusammenkommen.

Fabian Saavedra-Lara (FSL): Hallo Sandy, könntest du etwas über das Projekt acting inconcert erzählen?

Sandy Brede (SB): Genau, 2018 wurde das acting in concert Festival durch den Förderfonds von Interkultur Ruhr gefördert. acting in concert ist ein Musikfestival, mit dem ich versuchen möchte, entgegen einer meist rassistischen, sexistischen und queer-feindlichen Club- und Konzertlandschaft ein anderes Jetzt vorzuschlagen und safere Spaces für Frauen, queers und BPoC zu schaffen. 2018 gab es da sieben Konzerte und einen Talk zum Thema queering und decolonizing von Räumen. Mich beschäftigt bei den Veranstaltungen die Frage, ob und wie sich von Ausschluss gekennzeichnete Räume wie unser Café, wo das Festival stattfindet, durchqueren, also queeren oder dekolonialisieren lassen. Speziell, wenn diese Räume wie unser Café, von einem größtenteils weißen und cis-heterosexuellen Team organisiert werden. Also, wie kann ein Festival organisiert werden, um möglichst wenige rassistische, patriarchale, aber auch kapitalistische und neoliberale Machtmechanismen automatisch zu reproduzieren, welche Rolle spielen dabei die eigene Positionierung und damit einhergehende Privilegien und Deutungshoheiten und wie hängen die Organisation, die Art der Kuration und Ästhetiken, Musikstile und Performances mit dem dann tatsächlich stattfindenden Zusammenkommen in der Musik zusammen?

FSL: Inwiefern hat aic mit dem Thema ›Interkultur‹ zu tun? Wie siehst du diesen Begriff überhaupt? Was wäre aus deiner Sicht problematisch daran, was vielleicht auch nützlich im kulturpolitischen Kontext?

SB: Ich bin mir nicht sicher, ob bei aic interkulturelle Arbeit stattfindet, weil ich auch nicht sicher bin, was der Begriff bedeutet. Ich verstehe ihn am ehesten als Beziehung zwischen den Kulturen, und es hat vielleicht mit Austausch zu tun? Wobei mir dann der Begriff ›Kultur‹ als sehr groß, alteingesessen oder territorial erscheint. Gleichzeitig stehen ja keine Kulturen auf der Bühne, und auch nicht bloß andere Körper, sondern Menschen. Und wenn man es doch so sehen möchte, dann ist das reduzierend und diskriminierend und eine Markierung des Anderen. Ich glaube, ich kann das, wenn überhaupt, im Bereich der Musik beschreiben, wo ich sehr häufig erlebe, dass bei so ›interkulturellen‹ und ›diversen‹ Konzerten häufig nur eine Beziehungsbewegung entsteht, und das ist die der Abgrenzung und der Reproduktion von Blickhierarchien und Othering. Und das ist ja genau nicht das, was bei aic passieren soll. Ich glaube, bei aic geht es natürlich um einen direkten oder indirekten Austausch über Lebensrealitäten und -erfahrungen, aber vielleicht viel mehr auf der Ebene von Beziehungsweisen wie Solidarität, Verantwortung und Fürsorge und Kritik aus antikapitalistischer und intersektionaler Perspektive, aber weniger um sowas wie interkulturellen Austausch.

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>> https://actinginconcert.org/

>> https://interkultur.ruhr/kalender/acting-in-concert-festival

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Die gedruckte Version des Interkulturellen Kalenders 2022 ist leider bereits vergriffen. Eine digitale Version (pdf) zum Herunterladen gibt es >> hier. Das vollständige Interview findet sich in der Publikation „Worauf wir uns beziehen können. Interkultur Ruhr 2016-21“.

>> Interkultureller Kalender 2022

>> Worauf wir uns beziehen können. Interkultur Ruhr 2016-21

acting in concert Festival, Witten 2021, Bild1: Künstlerin $ombi, Bild2: Festivalatmosphäre. Fotos: Roxana Rios
Interkultureller Kalender 2022 und der Artikel im Mai aus der Publikation "Worauf wir uns beziehen können. Interkultur Ruhr 2016-21". Foto: Guido Meincke
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