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Duisburg 1984: aufarbeiten, kollektiv gedenken und anklagen

Podium "Von Rassismus wurde nicht gesprochen"

Duisburg 1984: aufarbeiten, kollektiv gedenken und anklagen

von: 
Ceren Türkmen und Bengü Kocatürk-Schuster

Auszug aus dem Bericht von Ceren Türkmen und Bengü Kocatürk-Schuster zur Podiumsdiskussion "Von Rassismus wurde nicht gesprochen!" mit der Initiative Duisburg 1984 über Rassismus, rechte Gewalt und selbstorganisierte Aufklärung am 14.06.2019 im Blue Square in Bochum.

Den vollständigen Bericht zum download finden Sie > hier.

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Bekle beni
Sisli sabahlardayım
Yorgun, çaresiz
Şaşılası unutkanlığım üstümde
Kalemimi almamışım
Yapılacak işlerim öyle çok ki
Yardımsız da başarırım
Sislerin dağılacağı muhakkak
Bugün olmazsa yarın
Yakında gelicem
Aydınlık tertemiz yüzle
Bekle beni … 

Warte auf mich
In den nebeligen Morgen
Ich bin müde und hilflos
Verfluchte Vergesslichkeit
Ich hab den Stift nicht bei mir
Dabei habe ich noch so viel zu tun
Auch ohne Hilfe werde ich das sicher schaffen
Der Nebel wird sich verziehen
Wenn nicht heute dann morgen
Sehr bald werde ich wiederkommen
Das Gesicht strahlend und rein
Warte auf mich …

Bekle Beni. Semra Ertan, 1982.

Mit diesem Gedicht der Arbeitsmigrantin und Poetin Semra Ertan begann am 14. Juni 2019 die erste öffentliche Podiumsveranstaltung der Initiative Duisburg 1984 in Bochum. Das Podium „Von Rassismus wurde nicht gesprochen!“ fand in Kooperation mit dem Netzwerk Interkultur Ruhr im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kein schöner Land? Kontinuitäten rassistischer Gewalt“ statt, die von der Kulturfabrik Bochum organisiert wurde.

Semra Ertan beging am 24. Mai 1982 in Hamburg aus Protest gegen den zunehmenden Rassismus gegen Migrant*innen in Deutschland Suizid. Sie selbstverbrannte sich inmitten Hamburgs auf einem öffentlichen Platz. Es war nicht das einzige Gedicht von Ertan, das während der zweistündigen Veranstaltung mit neun Podiumsgästen verlesen wurde. Während des Podiums haben die neun Podiumsteilnehmer*innen immer wieder kurze Pausen gebraucht, in denen Ertans Gedichte vorgelesen wurden, um für einen Moment inne halten zu können, das Sprechen Ertan zu übergeben, sich auszuruhen, die Geschichten nachwirken zu lassen... Das gemeinsame Schweigen und Zuhören der aus dem Off kommenden Stimme Ertans war geradezu notwendig. Schließlich war es die erste öffentliche Podiumsveranstaltung, die die Mitglieder der Initiative mit den Betroffenen des Brandanschlags 1984 in Duisburg gemeinsam veranstaltet haben, um ihre kollektive Anklage zu formulieren und einen geschützten, sozialen Raum zu schaffen, in dem den Stimmen und Erfahrungsberichten der Betroffenen zugehört werden konnte. Wie eingangs mehrmals von den Organisator*innen selber formuliert wurde, fiel es nicht leicht, diesen Raum des Zuhörens zu organisieren und überhaupt zu sprechen. Der hingegen gemeinsam während des Sprechens, Zuhörens und Redens geschaffene Raum zeugte schließlich von Intimität, einer kraftvollen, und doch besonnenen kollektiven Analyse aller neun Sprechenden und er zeugte von demütigem Respekt vor den Betroffenen.

Semra Ertan starb 25-jährig 1982 in Hamburg. 1980, zwei Jahre zuvor, ebenfalls in Hamburg, wurden Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu in ihrer Flüchtlingsunterkunft die ersten dokumentierten Todesopfer neonazistischer Gewalt im Nachkriegsdeutschland; erneut in Hamburg 1985: Mehmet Kaymakçı und Ramazan Avcı, nachdem sie von Neonazis gejagt werden. Die Ermordung Avcıs sorgte bundesweit für großes Aufsehen. Die Täter wurden über Nacht festgenommen und am nächsten Tag wieder frei gelassen. Später erhielten nur Einzelne Jugendstrafen für wenige Jahre.

Die Ehefrau von Ramazan Avcı war zum Zeitpunkt des Mordes hochschwanger. 25 Jahre nach der Ermordung von Ramazan konnte sie Mut fassen und sie gründete gemeinsam mit Aktivist*innen und Nachbar*innen aus der Stadtgesellschaft eine Initiative zum Gedenken an ihn. Erst mit dem 25. Gedenktag begann für sie der Kampf um Anerkennung und Gedenken. Die Benennung des Ramazan-Avci-Platzes in der Nähe des Tatortes 2012 ist ein wichtiger Meilenstein für die Betroffenen und Angehörigen, ihrer Opfer zu gedenken, derer sich der Staat nicht angenommen, sondern die er aus dem kollektiven Gedächtnis abgewehrt hat.

„Es gibt keine systematisch mordende oder gewaltbereite rechte und rassistische Szene in Deutschland“, lautet das wiederholt formulierte Narrativ der Sicherheitsbehörden, des Verfassungsschutzes und der Politik. Sie isolieren mit diesem Narrativ rechte und rassistische Gewalttaten in Einzelfälle und verzerren Struktur, Ausmaß und die Wirkzusammenhänge zwischen rechter Gewalt und gesellschaftsfähigem Rassismus und Anti-Migrationspolitiken. Allerdings wirkt sich die verzerrte Wirklichkeitskonstruktion bürgerlich-staatlicher Politiken und Entscheidungen auch verzerrend auf die Erinnerung und Realität der Betroffenen und der Zivilgesellschaft aus. Die Angehörigen etwa der NSU-Opfer und Überlebenden wurden selber jahrelang kriminalisiert. Obwohl ihnen qua migrantisch-situiertem Wissen und Erfahrung klar war, dass es rechte und rassistische Motive und somit Täter*innen gewesen sein mussten, mussten sie sich dennoch jahrelang schikanieren lassen und konnten bis heute nicht würdevoll und selbstbewusst um ihre umfassend aufgeklärte Geschichte und um ihre Opfer trauern!

Was aber bedeutet es für Gewaltopfer von faschistisch-rassistischer Gewalt, wenn die öffentliche Instanz, also der Staat und sämtliche staatliche Institutionen, das Motiv ihrer Traumata und Gewalterfahrung unsichtbar, nicht erinnerbar und unaussprechbar macht? Bleibt man dann nicht auch als private Bürger*in und Rechtsperson unsichtbar und ent-rechtet in seiner Menschenwürde? Aus den vielen vermeintlichen rechten Einzeltaten eine Analyse des Rassismus im postkolonialen Kontinuum des Rassismus in der Bundesrepublik herauszuarbeiten, eigene Traumata, Geschichten und Rassismuserfahrungen auf der Ebene des widersprüchlichen Alltagsbewusstseins zu entzerren und eine würdevolle Gedenkpolitik zu erstreiten, bleibt Migrant*innen und den vielen zivilgesellschaftlichen Initiativen selber überlassen.

Die Podiumsveranstaltung in Bochum stand unter dem Vorzeichen, vor allem die Perspektiven und Stimmen der Betroffenen und Angehörigen sichtbar zu machen, sie weiterhin darin zu unterstützen, ihre Bürger*innenrechte auf Aufklärung, auf ein würdevolles Gedenken der Opfer, auf eine unabhängige Untersuchung und auf gesellschaftliche Anerkennung wahrzunehmen. Die systematisch verdrängte Brandstiftung in Duisburg darf nicht länger aktiv vergessen gemacht werden, sondern der Fall gehört neu untersucht.

1984, in der Nacht vom 26. auf den 27. August ereignet sich im Duisburger Stadtteil Wanheimerort ein Brandanschlag. Döndü Satır, Zeliha Turhan, Rasim Turhan, Tarık Turhan, Çiğdem Satır, Ümit Satır und Songül Satır sind die Namen der Opfer, die bis heute kaum einer kennen dürfte; sieben Mitglieder der Familie Satır sterben in den Flammen, mehrere Bewohner*innen des in der lokalen Presse als „Türkenhaus“ bezeichneten Wohnhauses, erleiden schwere Verletzungen. Rukiye und Aynur Satır überleben die Brandstiftung durch einen Sprung aus dem Fenster des zweiten Obergeschosses mit schweren Verletzungen. Rukiye Satır kann das Krankenhaus 16-jährig erst nach Monaten und mehreren Operationen verlassen.

Der Fall kann lange weder juristisch noch zivilgesellschaftlich aufgeklärt werden. Es gibt hingegen von Anfang an widersprüchliche Hinweise und einen sehr frühen Ausschluss eines politisch und somit rassistisch (damals sprach man noch von „Ausländerfeindlichkeit“) motivierten Anschlags seitens der Sicherheitsbehörden. Der Spiegel aus dem Jahr 1984 berichtet von einem rechten Symbol an der Hauseingangstür. In Grauen Heften der ersten migrantischen Selbstorganisationen von 1984 gibt es ähnliche Hinweise. 1984, das kann man den lokalen Medien entnehmen, gründet sich sogar eine zivilgesellschaftliche Bürger*inneninitiative, die die Ermittlungsbehörden öffentlich auffordert, das Motiv „Ausländerfeindlichkeit“ zu überprüfen.

Dennoch geschieht nichts, es fehlt ein*e Täter*in, zwischendurch wird ein ehemals jugoslawischer Bewohner des Hauses als Verdächtiger in Untersuchungshaft genommen. Erst 1994 wird eine Frau festgenommen, die 1993 – d.h. im Jahr der Pogrome auf Migrant*innen – einen Anschlag auf ein Asylbewerberheim in Duisburg verübt haben soll, bei dem wie durch ein Wunder niemand starb. Auch diese Brandstiftung konnte die Polizei nicht aufklären. Bei der Täterin wird eine Pyromanie diagnostiziert. Sie wird per forensischem Gutachten verurteilt und in einer forensischen Psychiatrie untergebracht. Dort gesteht sie auch die Brandstiftung 1984 – d.h. im Jahr der Rückkehrpolitik und der Hetze gegen Migrant*innen – , begangen zu haben. Die Sicherheitsbehörden klären den Fall nicht auf, sondern geben sich mit dem Geständnis zufrieden.

35 Jahre nach diesem Ereignis möchte die Initiative Duisburg 1984 gemeinsam mit der Duisburger Familie an die Brandstiftung erinnern, eine erneute unabhängige Untersuchung als Verdachtsfall vorschlagen und Rassismus anklagen! Sie wollen wissen, wie das Motiv Rassismus überprüft und ausgeschlossen wurde, da es verhärtete Verdachtsmomente auf Rassismus gab.

Auf dem Podium saßen Eylem Satır Özcan, Mustafa Özcan, Yusuf Özcan, Can Özcan, Ceren Türkmen, Kutlu Yurtseven, Aynur Satır Akça, Jan-Robert Hildebrandt, Suat Akkuş, Bengü Kocatürk-Schuster, Ümit Akkuş, Alexander Bauer, Martin Dietzsch und Alexandra Graevskaia.

Den vollständigen Bericht zum download finden Sie > hier.

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Die Initiative Duisburg 1984 kämpft darum, dass die Perspektive der Betroffenen rassistischer Gewalt in das kollektive Gedächtnis eingeht. Um dies zu erreichen, lädt die Initiative Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen, Vertreter*innen weiterer Initiativen und Künstler*innen am 31. August 2019 zum Gedenktag nach Duisburg ein. Und am wichtigsten – sie lädt Betroffene rechter und rassistischer Gewalt selbst ein, um gemeinsam zu sprechen, zu trauern und um uns zu organisieren.

Im Rahmen des Gedenktags wird eine juristische Neubewertung des Falles präsentiert und auf drei Podiumsgesprächen über Rassismus, rechte Gewalt und migrantische Selbstorganisation in den 1980ern, sowie über Erinnerungspraktiken heute diskutiert. Das Programm wird gerahmt von Kurzfilmen und Musik.

Rassismus als Motiv untersuchen, Zuhören organisieren
Sa. 31.08.2019, 13:30 Uhr
Lokal Harmonie, Duisburg

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Die Initiative Duisburg 1984 wird gefördert vom Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V. (VBRG e.V.), Interkultur Ruhr, Rosa Luxemburg Stiftung NRW, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste, GLS Treuhand, Kultursekretariat NRW, Amadeu Antonio Stiftung und Stadt Duisburg.