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Feministische Kämpfe in Bochum. Ein Gespräch im atelier automatique

Julia Nitschke und Eva Busch im atelier automatique, Bochum

Feministische Kämpfe in Bochum. Ein Gespräch im atelier automatique

von: 
Interkultureller Kalender 2020

Der Interkulturelle Kalender feiert die einzigartige Vielfalt des Ruhrgebiets. Mit der Sonderedition des Jahres 2020 stellen wir jeden Monat interkulturelle Akteur*innen vor und laden zu Veranstaltungen an besonderen Orten ein. Im März steht das atelier automatique in Bochum im Mittelpunkt: Johanna-Yasirra Kluhs (Interkultur Ruhr) im Gespräch mit Eva Busch und Julia Nitschke über die Ausstellung “Emanzenexpress - Gemeinsam sind wir gemeiner” und den Internationalen Frauentag 2020.

Es ist ein warmer Sommertag im Bochumer Westen, mitten in den Sommerferien. Eva Busch und Julia Nitschke empfangen Fatih Kurceren und mich mit buntem Wassereis in dem ebenerdigen Ladenlokal mit automatischer Schiebetür. Das atelier automatique ist ein herzlicher und Besucher*innen zugewandter Ort. Hier treffen sich kritische Arbeit und das gute Leben! Und am Ende des Gesprächs kommt dann sogar noch der neue Nachbar vorbei und lädt zum spontanen Sommer-Apérol Spritz.

Johanna-Yasirra Kluhs (JYK): Eva Busch und Julia Nitschke vom atelier automatique  – danke, dass ihr euch Zeit genommen habt! Lasst uns doch mit einer Vorstellung beginnen: Wer seid ihr? Was macht ihr?

Julia Nitschke (JN): Ja, hallo, ich bin Julia Nitschke. Ich lebe seit 11 Jahren in Bochum, ich bin Performancekünstlerin und habe mit Freundinnen, u.a. auch mit Eva, das atelier automatique mitgegründet. Das ist ein gemeinschaftliches Atelier für Künstler*innen und alle anderen Menschen eigentlich auch (lacht). Ja, und da engagiere ich mich.

Eva Busch (EB): Ja genau, und das ist das, was uns jetzt gerade zusammenbringt. Das atelier automatique als Ort, an dem wir nicht in der Vereinzelung verschwinden, sondern gemeinsam Kultur schaffen wollten. Ich bin auch im weitesten Sinne Kulturschaffende. Komme aus der Anthropologie und Kunstwissenschaft und arbeite aktuell vor allem kuratorisch, aber auch auf verschiedene Weisen inhaltlich, theoretisch, künstlerisch. Inhaltlich bin ich gerade vor allem interessiert an Fragen von Machtkritik, Möglichkeiten des Zusammenkommens, der Differenz.

JYK: Ihr habt jetzt beide über das atelier automatique gesprochen. Es hört sich so an, als ob ihr nicht die Einzigen hier seid. Wie funktioniert dieser Ort?

EB: Also, das atelier automatique ist ein Raum, den es jetzt seit zweieinhalb Jahren gibt hier in der Rottstraße 14 in Bochum. Getragen wird er vom Verein zur Förderung und Vernetzung der freien Künste Bochums e.V.. Wir sind kein Kollektiv, also arbeiten inhaltlich nicht unbedingt zusammen, machen aber trotzdem manchmal gemeinsame Projekte. Seit November 2017 haben wir nebenan auch noch eine Werkstatt. Unser Anliegen ist, hier einerseits einen Arbeitsplatz zu haben, aber auch eine Plattform, um Themen auch öffentlich verhandeln zu können. Da einfach eine Selbstständigkeit zu entwickeln, handlungsfähig zu sein, wenn wir es für nötig halten. Und auch unsere eigenen Arbeiten zu präsentieren, oder welche von anderen, die wir für wertvoll und diskussionswürdig halten.

JYK: Dieses Gespräch hat ja zwei Anlässe: den Internationalen Frauentag 2020 und eure Ausstellung “Emanzenexpress - Gemeinsam sind wir gemeiner”. Könnt ihr ein bisschen von dem Projekt erzählen?

JN: Das Projekt “Emanzenexpress” ist entstanden durch die Anfrage der Akademie der Künste der Welt, ob wir Interesse hätten, eine “Memory Station” zu werden. Das bedeutet, dass wir uns ein Thema raussuchen, dazu recherchieren und dann quasi Geschichte von unten sichtbar machen. Menschen aus unserem Umfeld können vorbeikommen und auch ihre Geschichten teilen. Relativ schnell haben Eva und ich uns entschieden, mit den drei Frauenarchiven, die es hier in Bochum gibt, zusammenarbeiten zu wollen. Da war grad das Jubiläum von –

EB: Es war das Jubiläum der Studentischen Frauenbibliothek Lieselle, plus zusätzlich wurde das Digitale Deutsche Frauenarchiv gerade vorbereitet.

JN: Es gab schon im Vorfeld mehrere Ereignisse, die uns signalisiert haben: Ok, Frauenarchive –  sie sind hier um uns herum. Obwohl ich z.B. schon seit 11 Jahren in Bochum lebe, habe ich nur sehr rudimentär etwas von der Frauenbibliothek Lieselle mitbekommen. Und auch das Frauenarchiv ausZeiten hatte ich zwar auf dem Schirm, wusste aber gar nicht, was das eigentlich für ein Schatz ist. Und dann wurde dieser Wunsch wahr, und die Archive haben gesagt, sie würden gern mit uns arbeiten. Eva und ich haben mit einer Recherche angefangen und wir haben uns erst mal davon leiten lassen, was es so in diesen Archiven gibt. Das war sehr frei und assoziativ. Irgendwann haben wir uns dann auf die 80er und 90er Jahre fokussiert. Mit dem Fokus “Feministische Widerstände und Kämpfe in Bochum” haben wir ausgehend von unserer Recherche eine Karte Bochums neu installiert, haben dort das gefundene Material, das wir für besonders zeigenswert hielten, ausgestellt.

Ausgehend von diesem Material haben wir uns Gedanken gemacht, wie das performativ oder auch installativ in eine Ausstellung einfließen kann. Wir haben uns dann auch mit befreundeten Künstlerinnen zusammengesetzt: Die Blaue Distanz, weil deren künstlerische Praxis unserem Vorhaben sehr ähnlich war und die beiden eine längere Recherchezeit in einem lesbischen Archiv in Kalifornien hatten. Zusammen haben wir geschaut, wie das Material neu aufgearbeitet werden kann, damit unsere Besucher*innen sich da möglichst mit ganz viel Lust in dieses Material reinwerfen. Und dass man überhaupt sichtbar macht, wie viel es in Bochum schon gegeben hat und wie viel schon wieder unsichtbar wurde.

EB: Eine Ergänzung: Du hast zwei Archive erwähnt, aber es gab noch ein drittes, Das Madonna Archiv für Sexarbeit, hier  direkt auf der Alleestraße. Das ist das jüngste Archiv, da haben wir auch recherchiert. Was uns wichtig war, dass wir das als einen Raum denken, der nicht nur zeigt, sondern auch einlädt, zusammenzukommen; der auch Möglichkeiten bietet, es sich gemütlich zu machen, sich auch längere Zeit konzentriert mit etwas zu beschäftigen. Wir haben eigentlich für eine Ausstellung viel zu viel ausgewählt, wenn man so möchte, um es bei einem Ausstellungsbesuch alles rezipieren zu können. Aber das war auch bewusst. Das angesprochene Begleitprogramm kam aus diesem Wunsch, dass es ein geteilter Raum wird, vielmehr als eine Ausstellung.

Eine Frustration, die das Projekt mit angetrieben hat, war ein Feststellen von feministischen Generationen-Bubbles. Dass es häufig eine klare Zuteilung gibt: Wenn du in dem Alter bist und dich für Feminismus interessierst, dann gehst du in den Raum, dort hin. Das ist einerseits  persönlich schade, aber auch für eine feministische Bewegung eine vertane Chance, sich nicht miteinander auseinanderzusetzen, sondern in der eigenen Bubble zu bleiben.

JYK: Wo habt ihr in der Aufnahme des Dialogs zwischen den Generationen die größte Nähe und auch das größte Konfliktpotential festgestellt?

EB: Es wird häufig von Generationenkonflikten gesprochen. Transexklusivität wird da häufig genannt, Rassismus, Anti-Rassismus, binäre Geschlechterbilder sind Beispiel für sich vermeintlich durchziehende Generationenkonflikte in feministischen oder vor allem auch in queer- bzw. lesbisch-feministischen Kontexten. Ich finde, das ist zu einfach. Natürlich gibt es Diskurse, die sich verschieben mit der Zeit – trotzdem stimmt es ja nicht, dass alle Feministinnen in den 1980ern Geschlecht binär gedacht haben. Oder – ohne zu sagen, dass damals alles toll war – gab es viel rassismuskritischen feministischen Aktivismus, der von jüngeren Feministinnen teilweise nicht so wahrgenommen wird. Auch was Transexklusivität betrifft, gibt’s auf jeden Fall unterschiedliche Positionen. Ich will nicht sagen, dass es nichts zu streiten gibt, aber das einfach nach Generationen zu differenzieren, wird niemandem gerecht. Wir alle haben Verantwortung für unsere Positionen.

JN: Was ich gemerkt habe, wo ich richtig gut mitgehen kann, ist dieser gemeinsame komplexe Kampf gegen das Patriarchat, gegen Unterdrückungsmechanismen. Also generell. Und dass – wir haben ja unterschiedliche Generationen kennengelernt – da weiterhin viele sehr aktiv sind.

EB: Es gibt viele Themen, wo ich eine Nähe sehe. Kampf für sexuelle Selbstbestimmung, oder  gegen häusliche Gewalt. Was mir viel Kraft gegeben hat – gerade auch als Kulturschaffende – zu sehen, inwiefern Aktivismus und Kulturproduktion zusammengehören. Das zeigt sich in vielen der Materialien. Mit der Organisation von Literaturfestivals oder Filmscreenings, bis hin zu solchen Details wie in den Magazinen, wo tolle Illustrationen dazu führen, dass es eine andere Qualität, eine ganz andere Ansprache produziert. Es gibt viele unterschiedliche Arten, sich zusammenzutun und gemeinsam ein Momentum zu entwickeln. Auch mit ganz viel Humor häufig. Das ist auch etwas, das uns sehr wichtig ist, dass es natürlich die Ernsthaftigkeit braucht, die den Themen angemessen ist, aber dass auch im Humor und in der Leichtigkeit ganz viel Energie entstehen kann.

JYK: Was waren denn eure Lieblingsfundstücke?

JN: Ah, da gibt’s viele! Es gab da so tolle Anreden, Slogans, z.B. “Frühlingserwachen aller Unzufriedenen”. Da stelle ich mir so den Hollywood-Film vor, und wir alle haben die Hauptrolle. Es gab auf jeden Fall Vieles, wo ich so dachte: Wenn ich jetzt Influencerin wäre, dann könnte ich das abfotografieren und es würde sofort viral gehen. Weil uns das immer noch emotional anspricht. Die Blaue Distanz hat dann ja auch aus manchen Flyern diese Sätze auf Handtücher gedruckt, und die kamen ja auch sehr, sehr gut an. “Wir lassen uns nicht zähmen”. “Gemeinsam sind wir gemeiner”. Auch ein Schlachtruf der Zeit. Das ist ja aktuell.

JYK: Ah, also der Spruch ist auch ein Fundstück aus den Archiven!

JN: "Gemeinsam sind wir gemeiner” war aber auch bundesweit so ein Schlachtruf. Also, ich nenn’s jetzt Schlachtruf. Und was ist dein Lieblingsfundstück, Eva?

EB: Ja, ich find’s richtig schwierig. – Ok, ich sag mal Fraueninfo. Die Fraueninfo, das war ein Infoblatt, das wurde jeden Monat herausgegeben. Es wurde, wie wir herausgefunden haben, in unserer heutigen Werkstatt nebenan gedruckt. Damals befand sich dort die Druckerei Versalis.

JYK: Aha! Da treffen sich also auch Vergangenheit und Gegenwart.

EB: Genau. Da wo wir heute hämmern und sägen, wurden früher Flugblätter oder vor allem eben auch die Fraueninfo gedruckt. Haben wir auch nur durch Begegnungen hier im Raum herausgefunden. Und diese Fraueninfo kam jeden Monat raus, inhaltlich zusammengestellt wurde sie im Frauenbuchladen Amazonas, der sich 50 Meter von hier entfernt befand. Das war ein Frauenraum, der sich auch über die Zeit verändert hat, in den Anfängen vor allen Dingen auch ein Ort der Begegnung war und unter anderem Bücher verkauft hat. Bücher von Frauen. Und das Bilden von Gruppen war dort ganz zentral. Was mich an der Fraueninfo beeindruckt hat, war zu sehen: Das ist ein Raum, der sich erst mal als ein aktivistisch, kollektiv betriebener Raum versteht. Und was für eine Fülle an Wissen und Programm da über die Jahre hinweg immer wieder herausgegeben wurde. Das kommt nicht von allein. Da braucht es viele Gespräche dahinter, viele Menschen, die lange in Kontakt sind, die das tragen und entwickeln. Und das ist uns aus der Fraueninfo entgegengesprungen: Also großes Wissen, viele Positionierungen, auch verspielte Gestaltungen. Ja, eine Lust zu gestalten, aber nicht alleine, sondern im Kollektiv.

JYK: Wo wir über besondere Sachen sprechen: Mich würden Geschichten hier aus dem Raum interessieren. Könnt ihr da ein bisschen was erzählen?

JN: Schön war etwa, dass vor allem jüngere Menschen regelmäßig kamen. Wir hatten zum Beispiel die radikal-feministische lesbische Zeitschrift Ihrsinn hier aus Bochum ausgelegt – da kam dann eine Besucherin, die hat sich Lesezeichen gemacht und hatte den Anspruch an sich selber, alle der 29 Ausgaben durchzuarbeiten. Dass es so viel Interesse, so viel Lust gibt, sich damit auseinanderzusetzen, das hat mich beeindruckt. Und dann fand ich auch immer spannend, wenn die Feministinnen selber, die in unserer Karte vorkommen, uns hier besucht haben und mit uns viel Zeit verbracht haben, hier im Emanzenexpress. Das war oft so eine Mischung aus Nostalgie und und einem gewissen Stolz, über die Anerkennung ihrer Arbeit. Dann haben sie sich so Sachen angeguckt und erinnert: “Na, weißt du noch M., da haben wir uns das erste Mal geküsst und jetzt stehen wir hier vor diesem kleinen Kasten.” Viele schöne kleine private Momente, aber auch diese politische Dimension. Das war sehr wohltuend für uns alle – sehr empowernd, sehr energetisierend.

EB: Mir fällt’s grad schwer, eine besondere Begegnung rauszupicken. Aber was mich überrascht hat: Im Vorhinein waren wir unsicher, ob die Idee mit dem Pool eine gute ist.

JYK: Was war das für ein Pool?

EB: Wir hatten hier einen Pool aufgebaut, relativ groß, mit einer Fliesenoptik versehen. Da konnten bis zu fünf Menschen rein. Und der war gefüllt mit reproduzierten Flugblättern, sodass man richtig eintauchen konnte und sich dem Zufall hingeben, welches Objekt einem da so entgegenkommt und mit welchen Inhalten man sich konfrontieren kann. Oder auch nicht: Sich einfach nur drauflegen und ausruhen. Wir haben an der Archivarbeit sehr genossen, uns da reinzuschmeißen und zu gucken, was kommt. Es war uns wichtig, das Material nicht nur total strukturiert zu präsentieren, sondern auch diesen Moment, da einfach irgendwas zu finden, zu inszenieren. Da dachten wir vorher, dass Manche das vielleicht als respektlos empfinden. Im Erlebnis hatte ich den Eindruck, dass es aber für Viele wichtig war, dass wir die Objekte nicht so mit einer Erhabenheit, mit  einer riesigen Aura versehen haben. Sondern dass dieser spielerische Zugang Vielen, die selbst mit dem Material zu tun haben, eher das Gefühl gegeben hat, dass wir auf einer Ebene sind. Dass wir die Dinge nicht zu etwas Totem machen. Wir haben darin dann auch teilweise Mittagspause gemacht.

JYK: Das ist ja eigentlich das Gegenteil einer Musealisierung. Eher so eine Gemeinmachung. Das wirklich als eine Lebensumgebung zu definieren.

EB: Genau. Und dann kam da von einer, die hier in Bochum sehr aktiv war, die Formulierung: „Ah, lustig, wir haben ja früher immer gesagt, wir gehen in Frauenenergie baden“, wenn sie feiern gegangen sind. Das war auch eine schöne Assoziation.

JYK: Ihr habt euch außerdem gefragt, wie eine Auseinandersetzung mit dieser Ausstellung aussehen kann, die einen sicheren Raum braucht, also einen Safer Space. Könnt ihr das kurz beschreiben, warum und wie ihr das gemacht habt?

EB: Insgesamt ist uns hier im Atelier, aber auch jenseits davon, wichtig: Wir versuchen, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich mit Themen beschäftigen können, die komplex sind. Das heißt, dass sie sich dabei auch in Themen begeben können, die vielleicht mit Schmerzen zu tun haben, und das sollte, wenn überhaupt, in einem möglichst sicheren Raum passieren. Wir müssen ja Wege finden, wie wir uns auch in Gruppen mit schwierigen Themen auseinandersetzen. Was einen möglichst sicheren Raum ausmacht, ist sehr komplex. Eine Strategie, die es immer wieder gab, war zu sagen, dass Räume begrenzt werden.

Das ist ja auch was, das sich in dem Material viel abgezeichnet hat. Zum Beispiel zu sagen: “Wir sind ein Frauenbuchladen, ein Frauenraum, hier dürfen nur Frauen rein”, kam aus unterschiedlichen Impulsen. Einerseits gab es Frauen, die gesagt haben: “Wir haben Gewalterfahrungen mit Männern und deswegen brauchen wir einen Raum, der frei davon ist.” Es gab welche, die haben gesagt: “Wenn wir uns als Bewegung formieren, müssen wir geschützte Räume haben, um überhaupt erst mal Themen zu verhandeln, ohne die ganze Zeit erklären zu müssen, dass das jetzt wirklich so schlimm ist, wie wir’s behaupten bzw. beschreiben.” Da also einen gewissen Grad an Differenziertheit zu entwickeln, aber auch einfach in einem Raum geschützt zu sein vor verletzenden Nachfragen, vor Übergriffen, verbaler oder auch physischer Natur. Und dann gab’s auch welche, die einen lesbischen Separatismus forciert haben. Informiert durch Theorien wie etwa von Sarah Lucia Hoagland haben die gesagt: “Wir müssen uns eigentlich, um ein weibliches Selbstbild zu entwickeln, das nicht ein relationales ist, also nicht immer durch den Mann bestätigt werden muss, abtrennen und erst mal verstehen, dass wir als Frauen einander Wert geben und wir die Männer dafür nicht brauchen.”

Ok. Für unsere Praxis hier vor Ort: Wir wussten, dass das Material natürlich voller Gewalt steckt. Immer wenn es um Kämpfe geht, kommt da auch Gewalt vor. Verschiedenste Formen, vor allem auch strukturelle Gewalt, sexuelle Übergriffe, rassistische Übergriffe, alle möglichen Themen werden in diesem Material verhandelt. Das war uns ziemlich schnell klar, dass es eine Herausforderung ist, das zu präsentieren und trotzdem Menschen möglichst viel Sicherheit zu geben. Gerade beim Thema Rassismus ist es oft sehr anstrengend, darüber in weiß dominierten Räumen zu sprechen. Weil es immer wieder Menschen gibt, die Erfahrungen in Frage stellen. Die sich dann vielleicht mit ihrem eigenen Weißsein auseinandersetzen wollen und dadurch andere Diskussionen verhindern. Sicherlich anders, aber vielleicht in manchen Bereichen vergleichbar zu dem, was rund um die Frauenräume diskutiert wurde. Also, war uns wichtig, zu überlegen, wie können wir eigentlich Themen Raum geben, im Wissen darum, wie verletzend das sein kann. Deswegen haben wir mit zwei Aktivistinnen, die hier im Ruhrgebiet aktiv sind, Miriam Yosef und Megha Kono-Patel, gesprochen. Miriam hatte hier schon mal einen Vortrag, also eine Liebeserklärung an Safer Spaces gehalten. Entsprechend wollten wir einen Raum einplanen, in dem von Rassismus betroffene Menschen sich nochmal so mit dem Material beschäftigen können, ohne dass wir da was vorgeben. Ich glaube, das war ganz gut.

JYK: Das ist ja ein sehr aktuelles Thema gerade. Ausgehend von eurem Leitspruch “Gemeinsam sind wir gemeiner”: Wer ist denn eigentlich dieses “wir” und wer kann sich dann versammeln? Und wer muss sich erstmal separieren, um dann vielleicht ein “wir” bilden zu können? Was ja häufig unter diesem Sammelbegriff Intersektionalität und die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten feministischer intersektionaler Kämpfe beschrieben wird. Mich würde interessieren, auch mit Bezug zum Internationalen Frauentag, wie ihr die Situation in Bochum beschreiben würdet.

JN: Ich glaube, grundsätzlich ist es erst mal angenehm oder erfreulich, was in Bochum in Bewegung ist. Es gab ja hier diese Gruppe um den Frauenkampftag Bochum, die sich gegründet und die Demo angemeldet und um den Frauenkampftag herum Veranstaltungen, Workshops, Vorträge organisiert hat. Und was Intersektionaliät angeht: Auch im atelier gab’s dazu zwei Gastveranstaltungen, die das Thema hatten. Ich würde sagen: sehr sehr wichtig. Feminismus ist ohne Intersektionalität nicht zu denken. Aber natürlich, wenn man in seinen eigenen Strukturen schaut, wird es schwieriger, das praktisch umzusetzen. Da gibt es weiterhin Bedarf zu handeln. Andere Menschen mit anzusprechen und sich andere Gruppen zu suchen und sich breiter aufzustellen.

EB: Ich frage mich oft: Was verstehen wir dann eigentlich konkret darunter? Wenn eine feministische Bewegung sich als intersektional versteht, gibt’s da offensichtlich viel zu tun. Es gab schon lang Diskussionen über Mehrfachdiskriminierungen. Und sich über Differenzen hinweg zu vernetzen. Oder Differenzen gerade zum Anlass zu nehmen, sich zu treffen und zusammenzusetzen. Und ich denke, dass das für feministische Kämpfe hier in Bochum eine Aufgabe ist. Es gibt viele Leute, die Lust haben, aktiv zu sein. Das, was zumindest für mich eine Sichtbarkeit bekommt, ist oft weiß, cis-weiblich, akademisch dominiert. Wenn es hier darum geht, eine feministische Bewegung zu denken, die intersektional ist, dann braucht das viel Beziehungsarbeit. Gruppen müssen sich kennenlernen, Räume teilen. Es müssen Begegnungen stattfinden, die mehr sind als ein “Du darfst auf der Demo sprechen”. Ich glaube, das ist wirklich wichtig, dass es darum geht, andere Lebensrealitäten kennenzulernen und die als Teil eines möglicherweise gemeinsamen Kampfes gegen das Patriarchat zu verstehen. Das ist viel Arbeit.

JN: Zeit, Vertrauen.

JYK: Ich stelle mir auch immer vor, dass es eine Erweiterung oder auch Korrektur der eigenen Begriffspraxis ist. Ich merke schon, mit je mehr Gruppen ich mich beschäftige, desto stärker werden auch meine Kategorien kontrovers erweitert. Das finde ich interessant. Da ist eine produktive Spannung zu eurer Arbeit, die sehr stark mit einem Anspruch von Präzision und Sorgfalt und dadurch aber auch Sanftheit und Offenheit besteht. Wo dann auch die Frage ist, wie viel Zeit braucht es eigentlich, bis man es dann wirklich in der Qualität machen kann, sich zu popularisieren, wie man den Anspruch an die eigene Arbeit hat.

EB: Ich fand in der Recherche die Praxis des Mailänder Frauenbuchladens inspirierend. Die haben in den 70er Jahren ein Prinzip für sich entwickelt, das nennt sich affidamento: anvertraut sein. Dass immer zwei Frauen einander anvertraut sind, im Wissen um ihre Differenz. Und dass jede Frau ein Begehren nach einem Mehr hat, das in der anderen ist. Nach einem Wissen, das sie nicht hat. Dass das wirklich als eine Basis einer aktivistischen Struktur gedacht wird, diese langfristigen Beziehungen.

JYK: In diesem Sinne: wie geht’s weiter?

JN: Es gibt auf jeden Fall vermehrt den Wunsch, dass es weiter geht auf irgendeine Art und Weise, im Sinne von feministischen Vorträgen, oder hier haben ja schon vorher regelmäßig queere Kurzfilmabende stattgefunden. Und so lose gibt es Phantasien, mehr Gruppen zu gründen. Die Vergangenheit als Vorbild zu nehmen. Es ist ja unglaublich, wie viele Gruppen es früher gab. Also für jedes Anliegen eine spezifische Gruppe. Das klingt erst mal nicht schlecht.

EB: Sonst gibt’s für uns grad noch zwischenmenschlich und politisch was aufzuarbeiten. Auf einer der letzten Veranstaltungen gab es einen verbalen rassistischen Übergriff, der uns und anderen noch nachhängt. Wir möchten uns das Thema rassismuskritische Veranstaltungsorganisation nochmal stärker vornehmen. Weil da klar wurde, dass es da noch Fortbildungsbedarf gibt.

JYK: Und die Ausstellung, wird die denn noch mal irgendwo zu sehen sein? Wo ist sie jetzt?

EB: Die ist abgebaut. In einer Kiste im Keller. Wir wurden schon zwei Mal gefragt, ob die sich woanders nochmal aufbauen lässt. Ich versteh’ die Ausstellung auf jeden Fall als ortsspezifische Ausstellung, die mit dem Raum hier zusammenhängt, mit dem Ort, mit der Nachbarschaft. So haben wir die gedacht und konzipiert. Die woanders hin zu verpflanzen, sei es jetzt nach Duisburg oder ins Stadtarchiv in Bochum, würde für mich nicht so viel Sinn ergeben. Es ist eher interessant zu gucken, wer will wo was machen. Und inwiefern ist es sinnvoll, dass wir uns mit der Erfahrung, die wir gemacht haben, daran beteiligen.

JN: Und es gibt ja diese Stadtkarten von Bochum, die haben wir gemacht, die kann man verteilen, und ich finde, die ist auch schon mal sehr viel wert. So als Beweismaterial für die feministische Verschwörungstheorie. Endlich hab ich’s gesagt! Bergbau gab’s hier gar nicht. Darüber müssen wir auch mal reden.

EB: Hi Flo!

Flo: Kann man reinkommen?

EB: Ja, komm rein! Wir machen grad ein Interview.

JYK: Aber es ist jetzt auch zu Ende, wenn ihr nichts mehr dringend loswerden wollt.

JN: Nee, das mit der feministischen Verschwörungstheorie, das war mir wichtig.

EB: Phantastisch!

JYK: Danke euch für das Gespräch.

 

atelier automatique
Rottstr. 14
44793 Bochum
www.atelierautomatique.de

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Der Interkulturelle Kalender des Ruhrgebiets empfiehlt jeden Monat eine besondere Veranstaltung. Am 20. März hat das Iranische Informations- und Kulturzentrum Essen zum gemeinsamen Newroz-Fest eingeladen. Die große Feier im Orient-Saal muss wegen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus leider ausfallen. Wir wünschen trotzdem allen einen schönen Frühlingsbeginn. Eydet Mobarak! Weitere Informationen > hier.

Julia Nitschke und Eva Busch im atelier automatique, Bochum
Ausstellung „Emanzenexpress - Gemeinsam sind wir gemeiner”, atelier automatique, 2019
Julia Nitschke und Eva Busch im atelier automatique, Bochum
Ausstellung „Emanzenexpress - Gemeinsam sind wir gemeiner”, atelier automatique, 2019
Eva Busch und Julia Nitschke im atelier automatique, Bochum
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Eva Busch und Julia Nitschke im atelier automatique, Bochum