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„Lest unsere Geschichten, aber schreibt sie nicht!“

Postkoloniale Perspektiven im Ruhrgebiet. Ein Arbeitstreffen mit Natasha A. Kelly

„Lest unsere Geschichten, aber schreibt sie nicht!“

von: 
Megha Kono-Patel & Miriam Yosef

Am 29.01.2019 luden atelier automatique und Interkultur Ruhr zu einem Abend mit der Kommunikationssoziologin, Autorin, Kuratorin und Dozentin Natasha A. Kelly in Bochum ein. Unter dem Arbeitstitel „Postkoloniale Perspektiven im Ruhrgebiet“ sollte der Versuch unternommen werden, in Kompliz*innenschaft mit Kulturarbeiter*innen und -aktivist*innen in einem Arbeitstreffen postkoloniale Perspektiven für die Kulturszene im Ruhrgebiet zu diskutieren. Megha Kono-Patel & Miriam Yosef moderierten den Abend und haben einen Bericht verfasst.

18:15 Uhr. Der Raum ist voll. Eigentlich ist ein ruhiges Ankommen und allmähliches Anfangen um 18:45 Uhr geplant. Es wird die Sitzbank aus dem Innenhof hereingetragen, hier gequetscht, dort Sitzkartons aufgeklappt.

Das Arbeitstreffen „Postkoloniale Perspektiven im Ruhrgebiet“ beginnt um 18:45 Uhr. Eingeladen ist die Soziologin Dr. Natasha A. Kelly. Kelly ist im Rahmen des Programms 360° an der Musikschule Bochum zu Gast im Ruhrgebiet. Die bekannte Autorin und Aktivistin setzt sich für eine praktische feministische und postkoloniale Kritik an den bestehenden Strukturen ein, zum Beispiel im Kulturbetrieb. So soll heute Abend im Austausch mit Kultur- und Kunstschaffenden über Allianzen und Möglichkeiten des Aktivismus im Ruhrgebiet diskutiert werden.

In dem weiß -dominierten Raum blicken alle Anwesenden interessiert und hoffnungsvoll nach vorne. Arbeitstreffen bedeutet, wir werden heute mit neuen Perspektiven, neuer Motivation und neuen Erkenntnissen an unsere Arbeitsplätze zurückkehren. Doch es geht noch um mehr.

Wir moderieren heute und beginnen den Abend mit einem Appell an das Publikum, sich während der Veranstaltung der eigenen Positionierung bewusst zu sein und lesen zur thematischen Einstimmung zwei Zitate vor:

„Eine einfache Analogie wäre die zum Feminismus: Es gab eine Zeit, in der jedes Buch, das du lesen konntest, jede Rede, die du hören konntest, jeder Film, den du gesehen hättest, aus der Sicht eines Mannes erzählt wurde. Die Frau war da, aber sie war immer ein Objekt, niemals ein Subjekt. Über Jahrhunderte wurde angenommen, dass Frauen weniger intelligent seien als Männer und dass sie nicht den gleichen Bildungsgrad verdienen. Sie durften im politischen System nicht wählen und jedes von Frauen entwickelte Wissen wurde als nicht seriös, als unwissenschaftlich angesehen. All diese Einstellungen sind Teil eines größeren Systems, in dem Frauen von Männern dominiert und ausgebeutet wurden. Und dies hat Auswirkungen auf alle Teile von Kultur – auch heute: soziale Beziehungen, Politik, Recht, Medizin, Kunst, populäres und akademisches Wissen. Und wie Feminismus versucht Post-Kolonialismus mit einer radikalen Agenda einzugreifen: Er versucht, das Denken der Menschen zu ändern, wie sie sich verhalten, um gerechtere Beziehungen zwischen weißen und Menschen of Color herzustellen.“ (Robert Young)

Und: „’Rassismus und Unterdrückung’ wird auf absehbare Zeit ein aktuelles Thema in Deutschland bleiben. Das ist bezeichnend und beängstigend, und dennoch ist es für mich kein Grund zur Resignation, sondern viel eher eine Aufforderung zu verstärkter Aktion, was z.B. bedeutet, mehr und bessere Strategien und Bündnisse zu schaffen. Und dazu brauchen wir nicht Freundinnen und Freunde zu werden, sondern müssen lernen, zusammenzuarbeiten.“ (May Ayim)

Natasha A. Kelly beginnt mit der Vorstellung ihrer Ausstellung „EDEWA“. EDEWA steht für „Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstandes“ und ist eine kritische Anspielung an die Einzelhandelskette EDEKA (Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler). Diese interaktive Wanderausstellung, die auf den ersten Blick alltägliche Produkte in einem supermarkt-ähnlichen Regal zeigt, stellt tatsächlich antikoloniale und rassismuskritische Produkte aus und fordert Besucher*innen zum Nachdenken und kritischen Hinterfragen des eigenen Konsumverhaltens auf: Produkte, die wir nebenbei täglich (und wie selbstverständlich) einkaufen, konsumieren und nutzen, sind Produkte, die mit Hilfe von rassistischen und sexistischen Stereotypen beworben werden, diffamierende Fremdbezeichnungen als Namen tragen und in ihrer Produktion zur Ausbeutung von Menschen beitragen. Und dies nicht seit heute, nicht seit gestern, sondern seit der Erfindung dieser Asymmetrie.

Die Ausstellung positioniert Sprache, Bilder und die vermeintliche, weiße Unbetroffenheit als Machtinstrumente und verbindet somit den Alltag des/der Einkäufer*in mit den unsichtbaren Produktionsbedingungen ihres Einkaufs und alltäglichen Diskriminierungsformen.

EDEWA ist eine Ausstellung, die zwar in Rathäuser und andere Ausstellungsorte, die sich mit (Post-)Kolonialität befassen wollen, eingeladen wird – aber deren Verantwortliche sich oft nach genauerem Hingucken „nicht mehr wohl fühlen“, berichtet Kelly.

Nach Natasha A. Kelly’s Vortrag gibt es im zweiten Teil des Abends für die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, Fragen oder konstruktive Kritik über Fragekarten anonym zu kommunizieren.

Die formulierten, in die Diskussionsrunde gegebenen Fragen und Diskussionsthemen skizzieren sehr gut den aktuellen rassismuskritischen, postkolonialen Ist-Zustand des Ruhrgebiets. Im Folgenden greifen wir einige der Themen des Abends auf:

„Wir sind nicht die Lösung eines Problems, welches wir nicht geschaffen haben“

Das Verlangen nach weißen „Safer Spaces“, die Bedingung einer Person of Color, die Rassismuserfahrungen teilt für den eigenen Lernprozess, Auswege aus der Reproduktion rassistischer Gewalt im Alltag, die lediglich theoretische Auseinandersetzung mit Postkolonialismus, Skandalisierung einzelner rassistischer Vorfälle oder etwa die Infragestellung erschwerter Startbedingungen aufgrund strukturellen Rassismuses bei Bewerbungen auf öffentliche Ausschreibungen legen die Annahme nahe, dass es eine Lösung für diese Probleme gebe, die mit einem (weiß -positionierten) Selbst nichts zu tun hat.

Doch Kelly’s Antwort ist genauso unmissverständlich wie nötig: „Wir sind nicht die Lösung eines Problems, welches wir nicht geschaffen haben.“

Vielmehr appelliert sie an weiße Verbündete, bei sich selbst anzufangen. Sich zu fragen wo die eigene Geschichte mit Kolonialismus verbunden ist und sich dadurch der eigenen Privilegien bewusst zu werden. Hierfür sei keine Person of Color als Lehrperson nötig, sondern Eigeninitiative z.B. auch durch Teilnahme an Workshops oder durch das Lesen von Literatur zum Thema, welche von Autor*innen of Color geschrieben wurde. Zitat Kelly: „Lest alle Bücher. Und zwar gleichzeitig.“

„Lest unsere Geschichten, aber schreibt sie nicht.“

Auch fordert Kelly weiße Menschen auf, nicht die Geschichten von Schwarzen und People of Color, sondern ihre eigenen Geschichten des Weißseins zu erzählen. Zur Geschichte des Rassismus gehört auch immer white supremacy, bloß wird darüber bisher nicht annähernd vergleichbar viel geschrieben.

Mit dem Beispiel von Onkel Tom’s Hütte zeichnet die Wissenschaftlerin nach, wie die weiße Ehefrau eines Sklavenhalters über einen „glücklichen“ Sklaven schrieb (den es in Wirklichkeit natürlich nie gab). Hier hätte sie über sich selbst schreiben müssen: Was sie dachte, fühlte, tat während Sklav*innen ausgepeitscht wurden.

An dieser Stelle macht Kelly auch auf die Dringlichkeit dieser Auseinandersetzung aufmerksam: „Wenn ihr diese Geschichte nicht erzählt, werden die Leerstellen von Rechten gefüllt. Mit Müll.“

Hierbei benennt Kelly ganz klar die Verantwortung der Mitte der Gesellschaft: Rassismus sei weder ein Rand- noch ein individuelles Problem, sondern eine strukturelle Tatsache, die als Fortführung kolonialer Ausbeutung zu verstehen sei.

Schließlich, durch eine Fragekarte mit dem Schriftzug „Diversifizierung vs. Dekolonisierung von Kulturbetrieben“, wird der heute in Mode gekommene, aber historisch aus der Black Power Movement stammende, Begriff „Diversität“ beleuchtet: Während eine weiß -positionierte Teilnehmerin z.B. diesen Begriff als machtkritischen und zentralen Begriff ihrer Arbeit versteht, sehen viele Aktivist*innen of Color das Konzept der „Diversität“ kritisch. Weiße Institutionen, die sich mit dem Marker „Diversität“ schmücken, bleiben nach wie vor zumeist Institutionen, in denen weiß die Norm ist und alles andere als divers bezeichnet wird. Diversität, ursprünglich als bottom-up Konzept gedacht, funktioniert – in diesem Verständnis – nur als top-down Ansatz.

„Wir haben hier keine Toolbox mit Lösungen, es geht um die Haltung.“

Auf die Frage nach Zusammenarbeit und Allianzen zwischen People of Color und der weißen Mehrheitsgesellschaft bringt Kelly das Beispiel des Projekts EDEWA: Die Zusammenarbeit funktioniere gut, auch wenn immer wieder Aushandlungsprozesse notwendig seien und das Team sich über die Jahre geschmälert habe.

Es ist 21 Uhr, laut Zeitplan ist das Arbeitstreffen vorbei, doch wir diskutieren noch einige Zeit weiter. Der Abend hat gezeigt, wie groß der Bedarf an Austausch zu diesem Thema im Ruhrgebiet ist, aber auch wie notwendig das Begreifen der eigenen Involviertheit zum Verständnis des kolonialen Erbes ist. Im Laufe des Arbeitstreffens sind mehr Fragen aufgekommen als Antworten. Wenn Teilnehmer*innen mit mehr Fragen nach Hause gehen, als Antworten, „ist das auch gut so“, gibt Kelly uns mit. „Wir haben hier keine Toolbox mit Lösungen, es geht um die Haltung.“

Dr. Natasha A. Kelly hat wichtige Denkanstöße gegeben. Jetzt ist es an jedem/jeder Einzelnen, sich mit der eigenen Positionierung und der persönlichen, mit Kolonialismus zusammenhängenden Geschichte auseinanderzusetzen – um als „historisches Wir“ der eigenen Verantwortung nachzukommen. Glück auf!

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Miriam Yosef hat einen M.A. in Human Rights von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie einen B.Sc. in International Development von der London School of Economics and Political Science. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich Postkoloniale Studien, Critical Race Theory und Menschenrecht.

Megha Kono-Patel hat einen B.A. in Neueren Sprachen und Literaturen Südasiens und Bildungswissenschaft von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und studiert derzeit Erziehungswissenschaft im Master an der Technischen Universität Dortmund. Ihre Schwerpunkte sind Rassismus- und Machtkritik, Postkoloniale Studien und Bildungsphilosophie.

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> zur Veranstaltung

> eine alternative Berichterstattung von Mira Anneli Naß finden Sie hier.

 

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Fr. 14.06.2019, 18:30 Uhr
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