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Migrant:innengemeinschaften und kollektive Erinnerungen: Zum Umgang mit Selbstorganisationen und ihren Archiven im Ruhrgebiet

Eine der Migrant:innen-Demonstrationen, vor deren Hintergrund die Föderation der Immigrantenvereine aus der Türkei (FIDEF) zu sehen ist. (Der Ort, die Demonstration und der Besitzer des Fotos sind unbekannt). Quelle: Domid.org

Migrant:innengemeinschaften und kollektive Erinnerungen: Zum Umgang mit Selbstorganisationen und ihren Archiven im Ruhrgebiet

von: 
Caner Tekin

Historikerin Regina Wonisch schreibt in ihrer Bemerkung für das Buch „Ein Verein schreibt Geschichte“ zum Thema der Gründungsgeschichte der Migrant:innenorganisation– „Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei e.V. in Köln“: „Die Historisierung und Musealisierung der Migration ist ohne die Repräsentationskämpfe ihrer Subjekte und die Initiativen zur Selbstdokumentation nicht denkbar“. Es bleibt also die Frage, wie diese Selbstdokumentation und die Subjekte der Repräsentationskämpfe erreicht und analysiert werden können, zumal die Migrationsgeschichte auch von zahlreichen Migrant:innenorganisationen geprägt ist. Für die Geschichts- und Gedächtnisforschung ist es unbestreitbar wichtig, die von den Migrant:innenorganisationen angelegten und bewahrten Archive, alternativ Gemeinschaftsarchive oder „Community Archives“ genannt, zu untersuchen. Bezogen auf das Ruhrgebiet finden diese Sammlungen jedoch wenig Beachtung, da die Migrant:innenorganisationen selbst bisher nur gering erforscht sind. Dennoch bieten die von Migrant:innenvereinen geführten Archivbestände zum Ruhrgebiet dank dynamischer Migrationswellen und migrantischer Mobilisierungskultur eine riesige Chance, weniger bekannte Epochen der Migrationsgeschichte in der Region zu beleuchten.

Archive von Migrant:innenvereinen bieten aus mehreren Gründen unschätzbare Ressourcen für die Forscher:innen und Bibliotheken. Gemeinschaftssammlungen werden in erster Linie von Zeitzeug:innen der wichtigen Ereignisse in der Politik- und Sozialgeschichte der BRD erstellt. Schriftliche Aufzeichnungen der Migrant:innenvereine leisten beispielsweise bis Mitte der 1970er Jahre wichtige Beiträge zum Verständnis der Wilden Streiks. Während des Wilden Streiks im Jahr 1973 im Kölner Ford-Werk war Salih Güldiken, Arbeiter und einer der ersten türkischen Betriebsratsmitglieder, ein Vorstandsmitglied der Föderation Türkischer Sozialist:innen in Europa (ATTF). Neben seinen gesondert veröffentlichten persönlichen Meinungen zum Streik spiegeln auch der innerhalb der ATTF gehaltene Schriftverkehr die kollektive Haltung gegenüber dem Streik sowie den Reaktionen der Bundesrepublik und Gewerkschaften wider.

Es versteht sich von selbst, dass Migrant:innenorganisationen in erster Linie kulturelle Einrichtungen sind. Stark kontextualisiert mit den türkischen und griechischen Vereinigungen, widmen sie sich nicht nur kulturellen Aktivitäten, sondern auch der Bewahrung ihres kulturellen Erbes und des Bewusstseins ihrer Identität. Daher arbeiten migrantische Vereinigungen auch daran, ihre Erinnerungskultur durch Erinnerungsaktivitäten und entsprechende Literatur zu fördern. Die Mitteilungen und Erklärungen der alevitischen Organisationen aus den späten 1980er Jahren sind unschätzbare Erinnerungen an die Traumata durch die rassistische und ausländerfeindliche Gewalt gegen türkische Migrant:innen in Deutschland sowie die Pogrome gegen Alevit:innen in der türkischen Zeitgeschichte. Auch die Vereinigung der deutsch-griechischen Gesellschaften trägt zur Erinnerungskultur gegen Autoritarismus bei, als sie 2016 zum 50. Jahrestag des Militärputsches in Griechenland eine Veranstaltungsreihe organisierte. Insgesamt schaffen und bewahren Migrant:innenorganisationen Erinnerungen, die über ihr kulturelles Erbe informieren und daher für die Erinnerungsforschung von hoher Relevanz sind.

Das Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum hat kürzlich ein einschlägiges Projekt zur Kulturgeschichte der Migrant:innenmobilisierungen in Köln und Frankfurt am Main gestartet. Das Projekt untersucht die Geschichte der Migrant:innenverbände in den zwei Städten und setzt besondere Schwerpunkte auf Frauenbeteiligungen an diesen Organisationen. Das Ziel ist, Antworten auf die Frage zu liefern, wie sich die Gastarbeiter:innen und dann die Migrant:innen angesichts der Probleme, Bedürfnisse und der Ungerechtigkeit im sozialen und Arbeitsleben mobilisierten und welche Rolle Migrantinnen in dieser Mobilisierungsphase spielten. Angesichts der großen Zahl der Migrant:innenvereine in Köln und Frankfurt sowie ihrer umfangreichen Archivbestände, die über diese beiden Städte hinausgehen, stellt sich die Frage, wie man die Archivdokumente der Migrant:innenorganisationen angehen, einordnen und analysieren kann. Dabei nimmt das Projekt die Intersektionalitätsperspektive der Geschlechterforschung in Anspruch, um zu betonen, dass sich Ausgrenzung, Verfolgung und Diskriminierung von Minderheiten in den klassenorientierten, ethnischen und geschlechtsspezifischen Darstellungen überlagern. Laut den Projektergebnissen lässt sich die kulturelle Zugehörigkeit der Migranten:innenverbände in sich überschneidende Kategorien einteilen, wie z. B. die Klasse, Religion, Geschlecht und Ethnizität. Der Gender-Aspekt kann die Forschung weiter kontextualisieren: Wie veränderten die Migrant:innenverbände ihre Gender-Perspektiven in Bezug auf die zunehmende Beteiligung von Frauen am deutschen Gesellschafts- und Arbeitsleben sowie an den Vorständen, Frauenarbeitsgruppen und Korankursen der Selbstorganisationen? Inwieweit verbanden die Migrant:innenvereine ihre Geschlechterperspektiven mit Religion, Klasse und Ethnizität und wie wirken sich ihre Begegnungen mit Deutschen darauf aus? Mit dieser Fragestellung befassen wir uns mit den Archiven der Migrant:innenvereine, um zu verstehen, welche Geschlechterhierarchien in den Selbstorganisationen entstehen.

Die Migrant:innenvereine im Ruhrgebiet verlangen dringende Aufmerksamkeit und benötigen ähnliche semantische Einsichten in ihre Sammlungen. Laut der vom Regionalem Bildungsbüro Dortmund veröffentlichten Daten im Jahr 2008 gab es allein in der Stadt 72 Selbstorganisationen aus drei Kontinenten mit mehr als 20.000 Mitgliedern, von denen die meisten auf das Thema Kultur und Religion spezialisiert waren.(1) Insgesamt überschneiden sich die Migrant:innenarchive des Ruhrgebiets stark und spiegeln langfristige Interaktionen zwischen Migrant:innenvereinen und anderen Organisationen, insbesondere Gewerkschaften, lokalen Instituten und Landes- und Bundesintegrationsnetzwerken, wider. Die Zeitgeschichte des Ruhrgebiets ist in besonderem Maße von diesen Interaktionen geprägt: Das Spanische Kulturzentrum in Essen kümmerte sich seit 1969 um die Probleme von Gastarbeiter:innen jeder Herkunft und lieferte den Gastarbeiter:innen Unterstützung und soziale Sphäre. Dieser Verein und die folgenden (insbesondere) Elternvereine in Essen führten die Migrant:innenorganisationen unterschiedlicher Herkunft 1974 zu einer Großdemonstration gegen die Kindergeldkürzung durch die Bundesregierung. Ein weiteres Beispiel: Das Ruhrkomitee der Frauen aus der Türkei war ein 1975 von türkischen Sozialistinnen in Gelsenkirchen gegründeter Verein, der bis in die 1990er Jahre die internationale Frauenbewegung unterstützte. Die Migrant:innenorganisationen sind selbst die wichtigsten Archivquellen über ihre eigene Geschichte, die, wenn auch unter bestimmten Bedingungen, Archivuntersuchungen zugänglich gemacht werden können. Dabei werden solche Gemeinschaftsarchive zum Ruhrgebiet nicht unbedingt in den ihnen angeschlossenen Vereinen, sondern auch in Stiftungen und Bibliotheken zur Geschichtsforschung in Deutschland oder im Heimatland der Migrant:innen aufbewahrt. Einige der prominentesten Beispiele sind das Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum, das Dokumentationsmuseum in Köln, und das Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. Ein wichtiges Beispiel außerhalb der EU ist die Stiftung für Sozialgeschichtsforschung der Türkei (Türkiye Sosyal Tarih Arastirmalari Vakfi, „TUSTAV“), die umfangreiche Archive zu den in den 1970er und 1980er Jahren tätigen Arbeiter:innenvereine in Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen bietet. In den Archiven von TUSTAV geht es insbesondere um die Beteiligung von Frauen an der Migrant:innen- und Arbeiter:innenbewegung im Ruhrgebiet, den Kampf gegen die steigende Migrant:innenarbeitslosigkeit, die Deindustrialisierung seit den 1970er Jahren, sowie den Kampf gegen die Diskriminierungen, denen die Arbeiterinnen in den Kohlebergwerken, Stahlwerken und Textilfabriken des Ruhrgebiets begegnet sind. Derart reichhaltige und zugleich verstreute Sammlungen erfordern nicht nur deren vertiefte Kenntnis, sondern auch einen semantischen Überblick, um die gemeinsamen Themen zu lokalisieren. Der Fallstudie nach zu urteilen, können wir mit der Intersektionalität eine organisationsübergreifende Klassifikation der Migrant:innenarchive generieren und die in den Vereinsarchiven verstrickten Geschlechterhierarchien analysieren.

Insgesamt liegt ein hohes Potenzial für die Forschung der Migrations-, Arbeits- und Geschlechtergeschichte im Ruhrgebiet darin, Gemeinschaftsarchive über das Ruhrgebiet zu identifizieren. Auch die langsam wachsende Literatur zu Migrant:innenmobilisierungen in anderen Regionen unterstützt die Notwendigkeit neuer Einblicke in die Vereinsarchive im Ruhrgebiet. Die neuen Einblicke in die Migrant:innenvereine und ihre sich überschneidenden Netzwerke und Archive im Ruhrgebiet können darüber hinaus zum kulturellen Erbe der Region beitragen.

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(1) Ümit Kosan, Potenziale und Strukturen der Migrantenselbstorganisationen in Dortmund Ergebnis einer Bestandsaufnahme, Dortmund: Regionales Bildungsbüro, 2008.

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Dr. Caner Tekin ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum (RUB), wo er mit Stefan Berger das von der Fritz Thyssen Stiftung geförderte Projekt „Geschichte der türkischen Migrantenorganisationen im Vergleich“ leitet. Zuvor arbeitete er als Postdoktorand am Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung und als Lehrbeauftragter am Zentrum für Mittelmeerstudien der RUB. Er ist Autor des Buches „Debating Turkey in Europe: Identities and Concepts“ (Berlin: De Gruyter, 2020), Herausgeber der letzte Ausgabe der Zeitschrift Moving the Social (Nr.: 65/2021) und Mitherausgeber (mit Stefan Berger) des Bandes „History and Belonging: Representations of the Past in Contemporary European Politics“ (New York: Berghahn Books, 2018).

Institut für soziale Bewegungen und Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, die gemeinsam unter einem Dach existieren, betreiben ruhrgebietsübergreifende Spitzenforschung und enthalten auch bedeutende gewerkschaftliche Dokumente zu den Migrant:innenorganisationen. Foto: Manfred Kopka / CC BY-SA 4.0
Die Stiftung für Sozialgeschichtsforschung der Türkei bewahrt nicht nur wichtige Archive der türkischen Arbeiterbewegung in Deutschland und im Ruhrgebiet, sondern stellt einige wichtige auch in digitaler Form zur Verfügung. Quelle: Tustav.org
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