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Faţadă / Fassade: Ausstellung, Werkstatt, Diskursort

Hausmodelle in der Werkstatt Mallinckrodtstraße

Faţadă / Fassade: Ausstellung, Werkstatt, Diskursort

von: 
Inke Arns & Fabian Saavedra-Lara

+++  Im November 2020 hat das Dortmunder U einschließlich des HMKV vorübergehend geschlossen und folgt damit den aktuellen Verordnungen von Bund und Ländern zur Pandemiebekämpfung. Wir hoffen, die Ausstellung bald wieder öffnen zu können. +++

Die Ausstellung Faţadă/Fassade, die vom 24. Oktober 2020 bis zum 21. März 2021 im Hartware MedienKunstVerein (HMKV) im Dortmunder U zu sehen ist, lädt ein, die Vielfältigkeit der Stadt von einer neuen Seite kennenzulernen: Ausgehend von dem kollaborativen Kunstprojekt der Werkstatt Mallinckrodtstraße zur Rom*nja-Baukultur und der im September 2019 realisierten Neugestaltung einer Hausfassade in der Dortmunder Nordstadt richtet die Ausstellung den Fokus auf eine besondere Form von Architektur, die in den letzten 30 Jahren u.a. in Rumänien entstanden ist. Interkultur Ruhr hat die Aktivitäten von Anfang an begleitet und unterstützt.

Im Magazin zur Ausstellung, das im Dezember im Verlag Kettler erscheinen wird, haben die Co-Kurator*innen Inke Arns und Fabian Saavedra-Lara eine Einleitung geschrieben, die wir an dieser Stelle vorab veröffentlichen.

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Fassaden haben einen schlechten Ruf. Wenn alles ,nur Fassade‘ ist, bedeutet das, dass wohl „nichts dahinter“ ist. Diese Redensart geht auf die Geschichte des russischen Feldmarschalls Grigori Alexandrowitsch Potjomkin zurück, der 1787 die russische Zarin Katharina die Große mit ihrem Gefolge auf einer Inspektionsreise durch die neubesiedelten Gebiete Neurusslands – heute die südliche Ukraine und die Krim – beeindrucken wollte. Um der Zarin den Wohlstand und die blühenden Landschaften dieser neuen Provinz vorzugaukeln, habe der Fürst, so die Legende, bemalte Kulissen von Dörfern aufstellen lassen, in denen Schauspieler*innen die angeblichen Dorfbewohner*innen gaben. Obwohl diese Geschichte erwiesenermaßen erfunden ist, bezeichnet der Begriff der „Potemkinschen Dörfer“ bis heute Formen der Täuschung und des Blendwerks. Er steht für Oberflächen, die falsche Tatsachen wie Erfolg oder Wohlstand vorspiegeln, denen es jedoch an jeglicher Substanz fehlt.

Das Bild der „Potemkinschen Dörfer“ taucht im 20. Jahrhundert oft – aber nicht ausschließlich – im Kontext sozialistischer Parteidiktaturen auf. So wurde zum Beispiel anlässlich des Besuchs des rumänischen Conducătors Nicolae Ceauşescu 1988 in Erfurt (DDR) die der Straße zugewandte Seite des Erfurter Opernhauses gestrichen, während die nicht sichtbaren Seiten in ihrem schlechten Zustand verblieben. Ceauşescu selbst frönte in Rumänien einem extrem dekorativen, typisch stalinistischen Zuckerbäckerbaustil. Er wollte die rumänische Hauptstadt zum Paris des Ostens umgestalten – auf Kosten der Bevölkerung. Nach 1989 wurde die dramatische humanitäre Lage in Rumänien offensichtlich. Zugleich war Ceauşescus Prestigeprojekt, der Parlamentspalast, ein Prunkbau mit 1.100 Zimmern, für den ein ganzes Bukarester Stadtviertel abgerissen worden war, nach seiner Hinrichtung 1989 noch immer nicht vollendet.

Die Fassade ist ein wichtiges Thema der Architektur. Von Vitruv bis zur zeitgenössischen Architektur spielt die Gestaltung der Fassade eine herausragende Rolle. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (facies – dt. „Angesicht/Gesicht“) und bezeichnet den gestalteten, oft repräsentativen Teil der sichtbaren Hülle bzw. der Außenhaut eines Gebäudes. In der Architekturgeschichte bezieht sich der Begriff „Fassade“ auf die Hauptansichtsseite oder Schauseite eines Gebäudes, also die Gebäudefront. Speziell in der Moderne wurde versucht, der (vielkritisierten) Fassade den Charakter des „Trennenden“, der „Kulissenhaftigkeit“ und des „Maskenhaften“ zu nehmen.

Aufbauend auf dem gleichnamigen kollaborativen Kunstprojekt der Werkstatt Mallinckrodtstraße zur Roma-Baukultur und der im September 2019 realisierten Neugestaltung einer Hausfassade in der Dortmunder Nordstadt richtet die Ausstellung Faţadă / Fassade den Fokus auf eine besondere Form von Architektur, die in den letzten 30 Jahren u.a. in Rumänien entstanden ist. Diese zeichnet sich durch expressive Fassaden aus, in denen sich viele unterschiedliche Einflüsse und Gestaltungsformen wiederfinden. Außerdem sind die (Traum-)Häuser oft mit Kuppeln, Burgzinnen oder silbrig schimmernden Zwiebeldächern versehen. In der Ausstellung werden zahlreiche Hausmodelle präsentiert, die in der Werkstatt Mallinckrodtstraße entstanden sind. Was hat es jedoch mit den Vorbildern für diese Modelle auf sich?

Ausgangspunkt für die Neugestaltung der Hausfassade in der Dortmunder Nordstadt ist die bereits erwähnte Roma-Baukultur, die der rumänische Architekturhistoriker Rudolf Gräf zu den „spektakulärsten und einmaligsten Entwicklungen im postkommunistischen Rumänien“(1) zählt. Ähnlich wie Arbeitsmigrant*innen im Deutschland der 1960er Jahre senden auch viele rumänische Roma-Familien das im Ausland erwirtschaftete Geld zurück in die Heimat. In Rumänien wird das Geld oftmals in den Bau von Eigenheimen investiert. Viele Rom*nja realisieren dort den Traum vom eigenen Haus, der so viele Menschen auf der ganzen Welt beflügelt.

Sicherlich können die speziellen Bauformen als Ausdruck einer Überhöhung der Idee des Hauses gelesen werden. So sind Fassaden wie auch Innenräume mit ornamentalen Farbmustern bedeckt und mit Statussymbolen (z.B. Logos von Luxusfirmen wie dem Mercedes-Stern) verziert, während sich auf den Dächern Formen aus der globalen Architekturgeschichte finden. Ein bisschen Disneyland, ein bisschen Dallas, Versatzstücke von Burgen, Schlössern, Villen, Anwesen – hier vermischen sich eine große Menge an medialen wie auch lokalen rumänischen Einflüssen. So findet sich in den hohen, zum Teil pagodenartig gestapelten Dächern z.B. die barocke Kirchenarchitektur der Region wieder. Die meisten Häuser scheinen von großbürgerlichen Residenzen des 19. Jahrhunderts inspiriert zu sein. Charakteristisch sind ein klarer Baukörper, Mansardendächer, symmetrische Fassaden, neoklassizistische Eingangsportale, reich ornamentierte Holztüren, monumentale Treppenaufgänge, „Giebelfelder, sowie zahlreiche Kapitelle, Gesimse, Atlanten und Karyatiden. Der Stil schwankt zwischen Neoklassizismus, Barock und amerikanischem Kolonialstil“(2). Wie in der barocken Architektur ist auch hier „alles, was man sieht, nur Dekor, dessen Ziel es ist, den Betrachter in Erstaunen zu versetzen, starke emotionale Reaktionen in ihm hervorzurufen und ihn zu verwirren.“(3)

Mittelpunkt der Häuser ist meist ein zweigeschossiger Festsaal mit Galerie und monumentaler Prunktreppe. Oft verfügen die Häuser über viele Zimmer, von denen jedoch meist nur eines bewohnt ist. Denn die Häuser dienen ausschließlich der Repräsentation – in ihnen finden gesellschaftlich relevante Ereignisse wie Hochzeiten, Abhaltung eines Kris (Gericht) oder der Empfang von Gästen statt. Sie repräsentieren die (Groß-)Familie als grundlegende gesellschaftliche Institution.

Jede Architektur steht in einem sozialen, politischen und ökonomischen Kontext ihres Entstehens, ihrer Nutzung und Wahrnehmung. Roma-Gemeinschaften gehören in der Geschichte und Gegenwart zu den am meisten von Rassismus und Marginalisierung betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in Europa. Aufgrund von struktureller Benachteiligung, Diskriminierung und gewaltsamer Verfolgung ist es für viele Menschen nach wie vor kaum möglich, die Basis für eine stabile Existenz zu legen, zu der angemessener Wohnraum, Bildungschancen, kulturelle Anerkennung und ein würdevolles Arbeitsverhältnis gehören. Vor diesem Hintergrund sind die Architekturen von Roma-Communities in Rumänien nicht nur Manifestationen einer einzigartigen Baukultur, sondern auch Ausdruck einer Selbstermächtigung, indem sie sich rassistischen Zuschreibungen und weit verbreiteten Vorurteilen entziehen. Gleichzeitig sind diese „Träume von Häusern“ auch Projektionsflächen und werden im aktuellen europäischen Rechtspopulismus instrumentalisiert und kriminalisiert: Diskriminierende und tendenziöse Beiträge in populären Medien berichteten im Zuge der Brexit-Kampagne beispielsweise von „Roma gypsy palaces“, die angeblich von britischen Steuerzahler*innen aufgrund eines behaupteten Missbrauchs von Sozialleistungen unfreiwillig mitfinanziert werden.

Auch in Dortmund (und im gesamten Ruhrgebiet) leben Roma-Familien unter teils sehr prekären Bedingungen. Viele von ihnen sind in der Nachbarschaft des Nordmarkts zuhause und sind u.a. mit fehlenden Möglichkeiten politischer und kultureller Repräsentanz konfrontiert. Um dieser Situation zu begegnen, engagiert sich die Stadt Dortmund gemeinsam mit städtischen Institutionen seit einigen Jahren u.a. in den Bereichen Bildung, Qualifizierung und Unterstützung von Familien in prekärer Lage. Durch den Zusammenschluss verschiedener Träger wurde vor einigen Jahren das überregional viel beachtete Roma-Kulturfestival Djelem Djelem initiiert. Die Selbstorganisation Romano Than entstand aus der Community heraus und ist nach wie vor u.a. im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit sehr aktiv. In Zusammenarbeit mit der GrünBau gGmbH wiederum erwarb die Stadt sukzessive Wohnhäuser, die modernisiert wurden und – bei fairen Mieten – zu einer konkreten Verbesserung der Wohnsituation vieler Familien beitragen.

An diese komplexe lokale, regionale und gleichzeitig auch europäische Situation schließt das Projekt Faţadă/Fassade an. Es entstand aus der Frage heraus: Könnte ein Wohnhaus am Dortmunder Nordmarkt so gestaltet werden, dass es den Roma-Architekturen in Rumänien ähnelt – und somit ein Zeichen für eine positive Selbstrepräsentation der lokalen Community im urbanen Raum setzen? Auf Einladung von Interkultur Ruhr initiierten die beiden Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud 2017 gemeinsam mit Akteur*innen aus der Nachbarschaft des Nordmarkts eine Werkstatt, in der die Modelle entstanden, die jetzt in der Ausstellung im HMKV zu sehen sind. Einer dieser Entwürfe wurde 2019 an der Fassade des Wohnhauses Schleswiger Straße 31 umgesetzt – ein Besuch lohnt sich! Auch die ,innere Membran‘ des Dortmunder U wird im Zuge der Ausstellung von der Werkstattgruppe gestaltet und schlägt eine Brücke zur Schleswiger Straße. Zu sehen ist diese Gestaltung im Eingangsbereich des HMKV auf der Ebene 3 des Dortmunder U. Ein begleitendes Veranstaltungsprogramm ermöglicht in vielen unterschiedlichen Formaten eine Vertiefung und kritische Diskussion der zahlreichen Aspekte des Projekts.

Dieser Text entsteht in bedrückenden Zeiten: Der globale Ausbruch des Coronavirus hat auch für den Kulturbereich aktuell schwerwiegende Folgen. Der ,Lockdown‘ zwingt alle Kultureinrichtungen dazu, ihren Betrieb vor Ort temporär einzustellen, und stellt viele Menschen vor existenzielle Probleme. Die Grenzen in Europa sind zu diesem Zeitpunkt weitestgehend geschlossen. Zahlreiche Erntehelfer*innen, u.a. aus Rumänien, konnten trotzdem einreisen und müssen derzeit unter gesundheitlich offenbar sehr schwierigen Bedingungen arbeiten. In dieser Krise, so scheint es, wird die soziale und ökonomische Ungleichheit in Europa nochmal besonders deutlich.

Wir hoffen, dass die so wichtigen Debatten über Repräsentanz, Teilhabe und Anerkennung während des ,Lockdowns‘ nicht abbrechen und wir ,nach der Krise‘ auch im Kulturbereich neue Formen der Zusammenarbeit und der grenzüberschreitenden Solidarität finden, um die offene Gesellschaft und ein respektvolles Miteinander zu verteidigen.

Inke Arns & Fabian Saavedra-Lara, April 2020

(1) Rudolf Gräf: Zigeunerpaläste. Die Architektur der Roma in Rumänien, Diplomarbeit, TU Graz, 2005, S. 14.
(2) Gräf, S. 140.
(3) Gräf, S. 106. 

Faţadă / Fassade: Ausstellung, Werkstatt, Diskursort
24. Oktober 2020 – 21. März 2021

HMKV (Hartware MedienKunstVerein)
im Dortmunder U, Ebene 3
Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund

Ein Projekt von HMKV, Interkultur Ruhr und Werkstatt Mallinckrodtstraße

Mit Arbeiten des Teams Werkstatt Mallinckrodtstraße: Alex Ciurar, Cernat Siminoc (Roger), Christoph Wachter, Constantin Ciurar, Cristina Siminoc, Leonardo Radu, Lincan Raimond, Mathias Jud, Memo Ciurar, Stefan Raul, Vasile Siminoc u.v.a.

Partner des Projekts: Djelem Djelem – Dortmunder Festival für Roma-Kulturen
Gefördert durch: Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Stadt Dortmund, Fonds Soziokultur, Kunststiftung NRW. Das Rahmenprogramm wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.

Der HMKV wird gefördert durch: Stadt Dortmund / Dortmunder U

Allgemeine Besuchsinformationen:

Bitte beachten: Für den Besuch gelten im gesamten Dortmunder U Hygienevorschriften zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie. So gilt eine Maskenpflicht und eine Abstandsregelung von mind. 1,5 m. Um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten, kann nur eine bestimmte Anzahl an Besucher*innen gleichzeitig in die Ausstellung des HMKV gelassen werden.

Öffnungszeiten:

Mo geschlossen
Di-Mi 11:00 – 18:00 Uhr
Do-Fr 11:00 – 20:00 Uhr
Sa-So & feiertags 11:00 – 18:00 Uhr

Der Eintritt ist frei.

www.hmkv.de
www.dortmunder-u.de

„Faţadă/Fassade" – Statement Fabian Saavedra-Lara (Kuratorischer Leiter, Interkultur Ruhr)

Werkstatt Mallinckrodtstraße
Werkstatt Mallinckrodtstraße
Werkstatt Mallinckrodtstraße
Werkstatt Mallinckrodtstraß
Werkstatt Mallinckrodtstraße
Werkstatt Mallinckrodtstraße
Arbeit an der Hausfassade in der Schleswiger Straße
Metallarbeiten an der Hausfassade in der Schleswiger Straße
Werkstattgespräch
Hausfassade in der Schleswiger Straße
Hausfassade in der Schleswiger Straße, Detail
Hausfassade in der Schleswiger Straße, Detail
Werkstattparty
Ausstellungsflyer Faţadă / Fassade
Ausstellung Faţadă / Fassade, HMKV, Dortmunder U
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